Archiv für Kreative Ergüsse

HIIEER.

HIER <— geht es jetzt weiter!!! Die wichtigsten Sachen funktionieren. Bitte euch, sofern ich da überhaupt drin stehe, eure BLOGROLL/LINKLISTE zu aktualisieren.

Das ist hiermit der letzte Beitrag auf diesem Blog. Man sieht sich ;).

UMZUCH zum NEUEN BLOG.

Es dauert zwar noch ein bisschen, aber wenn ich dieses äußerst kompliziert geschriebene Theme dann mal im Griff haben sollte (wenn ich vorher nicht das Script verpfusche), dann geht es demnächst hier weiter. Posts werden ab sofort schon dort online getan, aber hier werdeich noch ein weilchen bleiben, bis ich dort alles fertig habe.

0957 und so schön.

Ich bin heute früh in der Bahn über eine so wunderschöne Passage im Buch, das ich gerade lese, gestolpert, dass ich gezwungen war es sofort zuzuklappen, um diese Passage auf mich wirken zu lassen. Und jetzt bekomme ich sie nicht mehr aus meinem Kopf:

“[...] Würdest du auch die Socken ausziehen?, fragte sie ihn. Und deine Hose?

Und du deine?

Ich bin auch schüchtern, sagte sie, und das stimmte, obgleich sie einander Hunderte, ja vielleicht Tausende Male nackt gesehen hatten. Sie hatten einander nie von weitem gesehen. Sie kannten die größte Intimität nicht, die Nähe, die nur durch Entfernung zu erzeugen ist. Sie ging zu dem Loch und betrachtete ihn stumm einige Minuten lang. Dann trat sie zurück. Er ging zu dem Loch und betrachtete sie stumm einige Minuten lang. In diesem Schweigen erreichten sie eine andere Intimität, die Intimität von Worten ohne Sprache.

Und würdest du jetzt deine Unterwäsche ausziehen?, fragte sie ihn.

Würdest du deine ausziehen?

Nur wenn du deine ausziehst.

Dann ziehst du deine auch aus?

Ja.

Versprichst du es?

Sie zogen ihre Unterwäsche aus, betrachteten einander abwechselnd durch das Loch und erlebten die plötzliche und große Freude, den Körper des anderen zu entdecken, und den Schmerz, nicht imstande zu sein, zugleich auch die Person des anderen zu sein.

Jetzt berühre dich, als gehörten deine Hände mir, sagte sie.

Was für hammer Gedanken sind das denn? Jonathan Safran Foer hat sich mit diesem Buch nun endgültig in Kopfkino geschrieben (sein zweites Buch war ja bereits der Wahnsinn). Ehrlich, mir geht diese tieftraurige und ehrliche Passage nicht mehr aus dem Kopf. Alles ist erleuchtet.
 

1539 und DEED POLL.

Als ich mir deed poll (Ingo J. Biermann, Deutschland 2004, 35mm, 42 min)  zum ersten Mal ansah, spürte ich eine Mischung aus Ekel, Faszination und Scham.

Abstract:
Deed Poll erzählt die Beziehung zweier reicher Geschwister, Sean und Ivy Poll, die nach dem gewaltsamen Tod der Eltern ihre lange verheimlichten Leidenschaften freilassen und nichts mehr darauf geben, den gewohnten “schönen Schein”, den sie durch ihre vornehme Erziehung aufgezwungen bekamen, zu wahren. Sie schaffen sich einen wertfreien Raum in ihrer Villa, in dem sie ihre Leidenschaften und Fantasien unreflektiert und unkontrolliert in die Tat umsetzen.
(entnommen aus ijbiermann.com)

Der Einstieg in deed poll gestaltet sich recht schwierig, so sehen wir Sean als moralischen Eckpfeiler, der emotional auf den Mord seiner Eltern reagiert. Ivy hingegen scheint diesen Schritt entweder nie gegangen zu sein, oder aber sie hat ihn bereits “übergangen”. Uns bleibt ein inhaltliches Eintreten zu diesem Zeitpunkt aus zweierlei Hinsicht verwehrt: so werden hier zum einen zwei unterschiedliche, gar kontrastierte Moralvorstellung nur grob skizziert (vor einer zwar sehr schönen, jedoch unglücklich gewählten Kulisse am Kasino im Schlossgarten Glienicke), und zum anderen wird der Hinweis, dass es sich um eine (körperliche) Geschwisterliebe handelt, ganz subtil angedeutet.

Im weiteren Verlauf des Filmes, verschwimmen diese Moralvorstellungen gänzlich, was in einem Punkt sehr spannend ist: es gibt - ohne das es explizit gezeigt wird - Einblicke in menschliche Abgründe. So gibt man sich den Drogen und den sexuellen Tabus des Dreiers/Vierers hin, in denen homoerotische Augenblicke mehr zählen, als heteroerotische. Es ist anzunehmen, dass Biermann hier die letzten Zentimeter des Schamgefühls nicht übertreten wollte, möglicherweise aus Respekt vor der unsichtbaren Präsenz der Liebe, auf deren Suche sich mindestens zwei der Hauptprotagonisten befinden.

Die Schlüsselfigur in dieser entmoralisierten Fabel ist Nathaniel (hervorragend gespielt von André Schneider, der gleichzeitig Drehbuchautor dieser Geschichte war), der als homosexueller Callboy ein Gefühl weckt, das rein zu sein scheint, jedoch vor dem Hintergrund der Unmoral wie eine abstrakte Skulptur wirkt. Die mehr als eindeutigen sexuellen Handlungen, die Drogen, die Obsession für Karten bilden eine undurchdringliche laute Mauer aus Hemmungen, der wir als Beobachter nur schamvoll gegenüberstehen können. Hinter dieser Mauer - und das ist bemerkenswert an dem Film - befindet sich etwas, das mehr oder weniger das verkörpert, dass Sean in der Einstiegssequenz noch darbietet: Unschuld.

So erträgt Ivy in einer Einstellung das Gefühl während sexueller Handlungen nicht, dass die Karten auf ihrer Haut hinterlassen. Es scheint, dass der innere Wunsch nach Moral und Liebe sich aus den Ketten des aktuell Passierten sprengen will. Sie sieht in Nathaniel etwas rohes und doch sensibles, dass jenseits von unmoralischen Grenzen existiert. Es ist nicht sein Körper, vielmehr seine Seele, die sie anzuziehen scheint.

Es sei noch viel mehr zu sagen, ich bin jedoch der Meinung, dass sich jeder selbst ein Bild machen sollte.
Abschließend kann man zu deed poll folgendes sagen:
Hinter der ganzen s/w-Ästhetik, den Drogen, der inzestuösen Beziehung verbirgt sich etwas tieftrauriges: der Wunsch nach Moral. Die unmoralischen Handlungen werden vor dem Hintergrund der versteckten und verschleierten Gedanken und Gefühle zu einer Suche nach etwas unschuldigem. Erotik und Thriller (wie Angaben zu diesem Kurzfilm belegen) halte ich für völlig falsche Kategorien. Geht man nach dem Sichtbaren - möglicherweise. Die Message verbirgt sich jedoch hinter den subtilen Gesten, die ein scheinbar “krankes” Trio miteinander teilt. Hier passiert etwas. Etwas sehr interessantes. Um es zu verstehen, sollte man seine eigenen Moralvorstellungen ersteinmal zurückstellen.

Dann begreift man auch, worum es in diesem wirklich sehr gelungenen Kurzfilm eigentlich geht. Und jenes etwas ist etwas sehr schönes und gleichzeitig sehr trauriges.
Wirklich empfehlenswert.

1138 und keine Liebe, so intensiv nichts.

aposSie wusste nicht nicht mehr weiter, als sie das Fenster im 107. Stockwerk aufriss.

Ich weiß einfach nicht mehr weiter.“, dachte sie.

Das war wohl das einzige, das sie ganz sicher wusste. Zu groß war der Druck, zu schwach war die Fantasie und das Vermögen sich in rettenden Welten zu verlieren. Der Wind schoss durch ihr Haar, durch ihr Gesicht, als sie sich ans Fensterbrett stellte. Es war so wahnsinnig laut und doch so still. Sie dachte, wie seltsam es sei, dass man an einen Punkt gelangen könne, an dem das Denken unmöglich wird.

Ihre Augen waren offen. Das wusste sie genau. Der Lärm des Windes war so unerträglich und trotzdem beruhigend. Wie kann etwas so laut sein, dass man gar nicht sehen kann? Als sie ihre Arme ausbreitete wurde ihr gedankenlos klar, dass Abschied nur dann ein Abschied ist, wenn er still und heimlich geschieht, wenn er nicht ausgesprochen wird.

Sie wolle springen. Aus dem 107. Stockwerk eines Gebäudes. Eine letzte Träne lief ihr über die Wange als der Entschluss in ihrem Kopf den Eingang zum weiteren Leben in die Luft jagte. Da war niemand, der sie liebte. Da waren tausende, die sie begehrten. Sie war so ausgezerrt vom Nicht-Geliebtwerden. Ihre Zunge striff ein letztes Mal ihre wunderschönen weichen Lippen. Sie schmeckte das letzte Mal das Salz ihrer Tränen. Dann sprang sie in die Freiheit. Wie der Vogel. Sie war frei.

95. Stockwerk. Der Zeitabschnitt zwischen dem Sprung aus einem Hochhaus bis zum Aufschlag ist kein richtiges Leben mehr. Es bringt den freiwilligen Entschluss zur Geltung. Und man ist selten so allein wie bei solch einem Fall. Es spielt keine Rolle mehr, was hinter einem lag und was geschehen wird. Man befindet ich im Niemandsland. Vielleicht war der Wind ja deswegen so laut, weil zwischen dem Erdboden und dem 107. Stockwerk eine unsichtbare Welt existiert, die man nur dann sehen bzw. spüren oder fühlen kann, wenn man springt. Der Lärm kommt aus dieser unsichtbaren Welt. Erzeugt von den vielen gequälten Seelen, der ungeliebten Menschen, die gesprungen sind. Sie wollen warnen, sie wollen locken, sie wollen Liebe. So ist es immer. Aber sie bekommen jedes Mal nur Gesellschaft einer weiteren gequälten Seele.

67. Stockwerk. Es dauert nicht mehr lang. Die Erinnerung kommt meinem fliegenden Körper nicht mehr hinterher. Sie ist weg. Mein Traumwandler, meine Träume, meine Wünsche und Gebete, meine Fantasien, die Liebe, die einfach weg war oder niemals da war. Alles weg. Muss sich alles zwischen dem 67. Stockwerk und dem 95. Stockwerk befinden. Die gequälten Seelen müssen danach gegrabscht haben. Sie sind einfach zu ausgehungert. Und ich fliege, anstatt zu fallen, denn ich will nach unten, ich will aufschlagen und mich befreien. Wie kann ich da fallen. Ich fliege. Und habe keine Angst mehr.

24. Stockwerk. “5.” Ich will nach Hause. Warum bin ich niemals geliebt worden? Hatte ich es nicht verdient? Ich hab soviel gegeben und soviel Liebe in mir gehabt. “4.” Ich will nach Hause zu ihm. Dem Traumwandler. Er war Quelle meiner Träume, meiner Wünsche und Gebete und meiner Fantasien. “3.” Ich will nach Hause. Mit ausgestreckten Armen, die Tränen viel weiter oben im 107. Stockwerk. Endlich habe ich eine Entscheidung getroffen. Endlich ist die Qual vorbei. “2.” Ich will nach Hause. Ich will weinen. Liebe. “1.” Ich will nach Hause. Mach’s gut, du Welt, die mich nie registriert hat, die zum Scheitern verurteilt sei und ich bete, dass das einzige,was von dir übrig bleibt die Liebe sein wird, auf die ich so vergeblich gewartet habe. Seltsam, dass sie mich trotz ihrer permanenten Abwesenheit befreit hat.

“0.” Kurz vor dem Aufschlag stoppt der Fall der jungen Frau. Nur einen Meter über dem Boden, mit dem Kopf vorran, ist die Zeit stehen geblieben. Der Beton unter ihr wird weich. Ein Mund formt sich und spitzt seine Lippen um die junge Frau zu berühren, zu küssen. Sie dachte nicht mehr. Man stirbt nicht beim Aufschlag, sondern einen Meter über dem Boden. Und wenn wir alle ehrlich sind, stirbt man sogar noch davor. Noch bevor man gesprungen ist, ist man gestorben, sonst würde man nicht springen wollen, nicht gegen einen Baum fahren, sich die Pulsadern aufschneiden, oder sich sonst vom Leben “befreien”. Das Leben ist nur das Negativ vom Tod. Übrig bleibt nur ein Name und ein paar Erinnerungen. In vielen Fällen war die Liebe nicht da.

Der Beton wurde wieder zu Beton. Der letzte Gedanke des Mädchens war “Ich will nach Hause. Zu ihm. Liebe.”. Dann schlug sie auf. Nicht auf dem Beton. Sondern auf ihrer Freiheit.

Adrianistory

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