Dieser Artikel hat mich heute ein kleines bisschen ins Grübeln gebracht, mich in Erinnerungen schwelgen lassen.
Heute ist nicht nur Valentinstag, sondern zufällig auch der 8. Geburtstag der Online-Community uboot.com. Als ich mich Ende 2000 als 16-jähriger Knabe – und ja, ich weiß, dass das Wort Knabe nur dann benutzt werden sollte, wenn man verprügelt werden möchte; seid lieber froh, dass ich nicht das Wort Jüngling benutzt habe – mich bei uboot.com unter dem Nickname GENOPOLIS011 angemeldet habe, hat sich mir eine völlig neue Welt erschlossen, welche dann jedoch Ende 2005 bei meinem legendären, aber komplett ignorierten Online-Armageddon wieder unterging.
Das waren die ersten Gehversuche des Second-Life in Deutschland, der Garten Eden der Nerds, der Gelangweilten, der Generation Milchkaffee. Man konnte damals noch kostenlos SMS’ verschicken, das seit ein paar Jahren allerdings auch nicht mehr kostenlos ist. Uboot.com verband – zumindest damals – Menschen. Da wurde gechattet, bis der Schlüpfer gequalmt hat. Ich war jahrelang mit von der Partie.
Irgendwann war Schluss.
Mittlerweile sind es knapp sechs Millionen User, die dort registriert sind. Auch studivz.net hängt da mit seinen fünf Millionen Usern kaum hinterher.
Was hat sich geändert? Die Bedürfnisse der User. Es ist erstaunlich, dass diese virtuelle Revolution zu einer allgemeinen geistigen Evolution des Userverhaltens geführt hat. Vielleicht sollte man eher sagen: bemerkenswert. Generation Golf war vorgestern, Generation Milchkaffee war gestern, wir leben in einer neuen Generation, die man möglicherweise unter dem Deckmantel des MySpace-Phänomens lokalisieren kann. Das ist selbstverständlich keine neue Erkenntnis.
(Nichts gegen MySpace.com, ich habe mich nur deswegen darauf bezogen, weil der Terminus ironischerweise passt.)
Schicke Profilfotos, vorbereitete und klug durchdachte Profile, die einen interessanter machen könnten, treffen den Nagel unserer Zeit auf den Kopf. Motiviert jemand anderes zu sein, zeugt davon, dass man sich selber nicht kennt oder einfach nur nicht mag oder man gelangweilt ist oder oder oder. Dass es soviele Menschen zwischen 13 und 30 sind, kann man zwar auf der einen Seite als Erfolg für die entsprechenden Unternehmen werten, zeigt aber auch einen Komplex auf, an dem viele zu erkranken scheinen. Plötzlich findet man Sexpartner über das internet. Plötzlich dreht man ab, wenn der Server abkackt. Irgendwie haben wir uns so sehr über die Möglichkeit gefreut, online ein zweites Ich, ein zweites Leben aufzubauen, dass wir einfach so überwältigt in das Jenseits unseres Real-Life-Interesses gewandert sind. Jenes war natürlich nicht die Intension der studivz.net- und Co.-Macher, es zeigt jedoch auf, wie hilflos man nun einem gar nicht realem Ding hinterherschauen muss.
Man kann abwinken und sagen, dass das alles übertrieben sei, aber Ladies und Gentlemen: Kult kann man nicht machen, Kult passiert. Und in diesem Fall birgt es eine wirkliche Gefahr in sich: es führt zur Abhängigkeit von einem Second-Life, zu einer zwischenmenschlichen Abstumpfung, wenn man falsch motiviert mit ins Boot springt und zu einem Kontaktverkust mit der eigenen Identität – und mehr noch: mit seiner äußeren Erscheinung.
Blogs funktionieren, meiner Ansicht nach, ganz ähnlich. Allerdings: es entspricht zwar den Tatsachen, dass es ein Überangebot an Blogs gibt, die gezwungenermaßen zu einer Reizüberflutung führt, man steht dennoch alleine auf eigenen Grundmauern und muss Türen öffnen. In Massen-Communities steht man in einem großen Raum mit Millionen Menschen und muss einfach interessanter und hübscher sein als die anderen um bemerkt zu werden. Ich persönlich sehe zwischen Nickpages, Profilen und Blogs erhebliche Zugangsunterschiede.
Hinzu kommt der Aspekt der Reizüberflutung. Man kann nicht mehr abschätzen, wer gut aussieht, weil alle gut aussehen. Gruscheln ist mittlerweile so langweilig geworden, wie Sex in einer drei-jährigen Beziehnung, die nicht gut läuft. Genau wie im Real-Life sind viele wieder normal, weil sie sich als nicht-normal identifizieren. Mittlerweile ist es alternativ, nicht mehr alternativ zu sein. Das Second-Life hat den Habitus des Real-Life’s angenommen. Es ist fraglich, ob dadurch wieder eine Umkehr ins vollständig “normale” Leben zustande kommt. Im Grunde hat dies schon mit dem Salonfähigwerden der SMS begonnen. Dass es hier um Netzwerke geht, spielt nur partiell eine Rolle.
Wir stempeln das alles als Spaß-Haben ab, und das kann auch stimmen, aber es ist nicht abzustreiten, dass die Kommunikation sich allmählich vom Real-Life abkoppelt. Wir müssen dieses anscheinend auch; dass scheint die (virtuelle) Evolution für uns nunmal geplant zu haben.
Aus den interessanten und unschuldigen Kinderschuhen von uboot.com ist ein potentiell gefährlicher Trend entstanden, der in Portalen wie studivz.net seinen aktuellen Höhepunkt gefunden hat. Wirklich (oder existentiell) gefährlich wird es wahrscheinlich nur, wenn noch andere mediale Abhängigkeiten ins Spiel kommen (welche durch Massen-Communities unabstreitbar gefördert werden) wie z.B Videospiel- oder generelle Internetsucht.
Vielleicht trifft der Begriff MySpace-Phänomen doch nicht den Nagel unserer Zeit, vielmehr sollte er MySpace-Komplex lauten. Vielleicht war das alles gar keine Revolution der Kommunikation im übertragenen Sinne, sondern vielmehr nur eine Form der Evolution, die nur deswegen virtuell abläuft, weil wir das Second-Life manchmal mindestens genauso als wichtig für uns erachten, wie das unser Real-Life.
Aber machen wir uns lieber keinen Kopf darum und gruscheln uns gegenseitig solange glücklich, bis wir gelangweilt sind und trotzdem nicht damit aufhören.
Abstrakt bleiben.





Ich werf’ einfach mal Globalisierung in den Raum. Gefällt mir zwar nicht, würde mir aber wohl auch nicht gefallen, wäre sie nicht mehr vorhanden.
Wobei man dann wieder auf das höher, schneller, weiter und das anzuratende Ziehen der Reißleine zu sprechen kommen würde/sollte.
Der Vorteil am Internet: Es bietet Abwechslung. Einfach, schnell, unkompliziert – so gut wie zu jeder Zeit. Im realen Leben ist das unweit komplizierter. Bekomm da mal 40 Mann auf einen Haufen (ehemalige Größe WoW-Raid). Wir haben ja schon das Problem, uns mal wieder auf’n Kaffee zu verabreden.
Das Internet verbindet Menschen, die sich ähnlich sind bzw. einander interessieren über weite Entfernungen. Nur trennen sie uns gleichzeitig von jenen, die um uns herum sind.
Tricky, wie ich in eigener Vergangenheits-Gegenwartsbetrachtung vor Kurzem festgestellt habe. Nur beides adäquat geht irgendwie nicht, oder ich hab mich bisher noch nicht wirklich darum gekümmert…