2053 und die virtuelle (R)Evolution: uboot.com vs. studivz.net.

Dieser Artikel hat mich heute ein kleines bisschen ins Grübeln gebracht, mich in Erinnerungen schwelgen lassen.

Heute ist nicht nur Valentinstag, sondern zufällig auch der 8. Geburtstag der Online-Community uboot.com. Als ich mich Ende 2000 als 16-jähriger Knabe – und ja, ich weiß, dass das Wort Knabe nur dann benutzt werden sollte, wenn man verprügelt werden möchte; seid lieber froh, dass ich nicht das Wort Jüngling benutzt habe – mich bei uboot.com unter dem Nickname GENOPOLIS011 angemeldet habe, hat sich mir eine völlig neue Welt erschlossen, welche dann jedoch Ende 2005 bei meinem legendären, aber komplett ignorierten Online-Armageddon wieder unterging.

Das waren die ersten Gehversuche des Second-Life in Deutschland, der Garten Eden der Nerds, der Gelangweilten, der Generation Milchkaffee. Man konnte damals noch kostenlos SMS’ verschicken, das seit ein paar Jahren allerdings auch nicht mehr kostenlos ist. Uboot.com verband – zumindest damals – Menschen. Da wurde gechattet, bis der Schlüpfer gequalmt hat. Ich war jahrelang mit von der Partie.

Irgendwann war Schluss.

Mittlerweile sind es knapp sechs Millionen User, die dort registriert sind. Auch studivz.net hängt da mit seinen fünf Millionen Usern kaum hinterher.

Was hat sich geändert? Die Bedürfnisse der User. Es ist erstaunlich, dass diese virtuelle Revolution zu einer allgemeinen geistigen Evolution des Userverhaltens geführt hat. Vielleicht sollte man eher sagen: bemerkenswert. Generation Golf war vorgestern, Generation Milchkaffee war gestern, wir leben in einer neuen Generation, die man möglicherweise unter dem Deckmantel des MySpace-Phänomens lokalisieren kann. Das ist selbstverständlich keine neue Erkenntnis.

(Nichts gegen MySpace.com, ich habe mich nur deswegen darauf bezogen, weil der Terminus ironischerweise passt.)

Schicke Profilfotos, vorbereitete und klug durchdachte Profile, die einen interessanter machen könnten, treffen den Nagel unserer Zeit auf den Kopf. Motiviert jemand anderes zu sein, zeugt davon, dass man sich selber nicht kennt oder einfach nur nicht mag oder man gelangweilt ist oder oder oder. Dass es soviele Menschen zwischen 13 und 30 sind, kann man zwar auf der einen Seite als Erfolg für die entsprechenden Unternehmen werten, zeigt aber auch einen Komplex auf, an dem viele zu erkranken scheinen. Plötzlich findet man Sexpartner über das internet. Plötzlich dreht man ab, wenn der Server abkackt. Irgendwie haben wir uns so sehr über die Möglichkeit gefreut, online ein zweites Ich, ein zweites Leben aufzubauen, dass wir einfach so überwältigt in das Jenseits unseres Real-Life-Interesses gewandert sind. Jenes war natürlich nicht die Intension der studivz.net- und Co.-Macher, es zeigt jedoch auf, wie hilflos man nun einem gar nicht realem Ding hinterherschauen muss.

Man kann abwinken und sagen, dass das alles übertrieben sei, aber Ladies und Gentlemen: Kult kann man nicht machen, Kult passiert. Und in diesem Fall birgt es eine wirkliche Gefahr in sich: es führt zur Abhängigkeit von einem Second-Life, zu einer zwischenmenschlichen Abstumpfung, wenn man falsch motiviert mit ins Boot springt und zu einem Kontaktverkust mit der eigenen Identität – und mehr noch: mit seiner äußeren Erscheinung.

Blogs funktionieren, meiner Ansicht nach, ganz ähnlich. Allerdings: es entspricht zwar den Tatsachen, dass es ein Überangebot an Blogs gibt, die gezwungenermaßen zu einer Reizüberflutung führt, man steht dennoch alleine auf eigenen Grundmauern und muss Türen öffnen. In Massen-Communities steht man in einem großen Raum mit Millionen Menschen und muss einfach interessanter und hübscher sein als die anderen um bemerkt zu werden. Ich persönlich sehe zwischen Nickpages, Profilen und Blogs erhebliche Zugangsunterschiede.

Hinzu kommt  der Aspekt der Reizüberflutung. Man kann nicht mehr abschätzen, wer gut aussieht, weil alle gut aussehen. Gruscheln ist mittlerweile so langweilig geworden, wie Sex in einer drei-jährigen Beziehnung, die nicht gut läuft. Genau wie im Real-Life sind viele wieder normal, weil sie sich als nicht-normal identifizieren. Mittlerweile ist es alternativ, nicht mehr alternativ zu sein. Das Second-Life hat den Habitus des Real-Life’s angenommen. Es ist fraglich, ob dadurch wieder eine Umkehr ins vollständig “normale” Leben zustande kommt. Im Grunde hat dies schon mit dem Salonfähigwerden der SMS begonnen. Dass es hier um Netzwerke geht, spielt nur partiell eine Rolle.

Wir stempeln das alles als Spaß-Haben ab, und das kann auch stimmen, aber es ist nicht abzustreiten, dass die Kommunikation sich allmählich vom Real-Life abkoppelt. Wir müssen dieses anscheinend auch; dass scheint die (virtuelle) Evolution für uns nunmal geplant zu haben.

Aus den interessanten und unschuldigen Kinderschuhen von uboot.com ist ein potentiell gefährlicher Trend entstanden, der in Portalen wie studivz.net seinen aktuellen Höhepunkt gefunden hat. Wirklich (oder existentiell) gefährlich wird es wahrscheinlich nur, wenn noch andere mediale Abhängigkeiten ins Spiel kommen (welche durch Massen-Communities unabstreitbar gefördert werden) wie z.B Videospiel- oder generelle Internetsucht.

Vielleicht trifft der Begriff MySpace-Phänomen doch nicht den Nagel unserer Zeit, vielmehr sollte er MySpace-Komplex lauten. Vielleicht war das alles gar keine Revolution der Kommunikation im übertragenen Sinne, sondern vielmehr nur eine Form der Evolution, die nur deswegen virtuell abläuft, weil wir das Second-Life manchmal mindestens genauso als wichtig für uns erachten, wie das unser Real-Life.

Aber machen wir uns lieber keinen Kopf darum und gruscheln uns gegenseitig solange glücklich, bis wir gelangweilt sind und trotzdem nicht damit aufhören.

Abstrakt bleiben.

6 Kommentare »

  Robby wrote @

Ich werf’ einfach mal Globalisierung in den Raum. Gefällt mir zwar nicht, würde mir aber wohl auch nicht gefallen, wäre sie nicht mehr vorhanden.
Wobei man dann wieder auf das höher, schneller, weiter und das anzuratende Ziehen der Reißleine zu sprechen kommen würde/sollte.

Der Vorteil am Internet: Es bietet Abwechslung. Einfach, schnell, unkompliziert – so gut wie zu jeder Zeit. Im realen Leben ist das unweit komplizierter. Bekomm da mal 40 Mann auf einen Haufen (ehemalige Größe WoW-Raid). Wir haben ja schon das Problem, uns mal wieder auf’n Kaffee zu verabreden.

Das Internet verbindet Menschen, die sich ähnlich sind bzw. einander interessieren über weite Entfernungen. Nur trennen sie uns gleichzeitig von jenen, die um uns herum sind.

Tricky, wie ich in eigener Vergangenheits-Gegenwartsbetrachtung vor Kurzem festgestellt habe. Nur beides adäquat geht irgendwie nicht, oder ich hab mich bisher noch nicht wirklich darum gekümmert…

  nUaCoRe wrote @

Hmm, das klingt ja alles ganz nett, was du oben schreibst. Aber wo ist das neue an deinem Artikel? Wir wissen, dass wir in einer Welt leben, wo mehr und mehr Medienkompetenz gefragt ist. Hier muss von Seiten des Umfelds (Schule, Elternhaus etc.) eingegriffen werden. Damit meine ich, dass man den Kindern ein Umgang mit den neuen Medien vermitteln muss.
Und mir fällt dazu noch was ein: Nerd hin oder her, der einsamste Mensch sehnt sich nach Gesellschaft. Wir sind nun mal von Natur aus Menschen, denen persönlicher Kontakt wichtig ist. Und das bedeutet, dass wir auch wieder in eine andere Richtung gehen werden. Ich sehe, dass das Bewusstsein für persönliche Angaben und Privatsphäre wächst, was ganz entscheidenden Einfluss auf soziale Netzwerke (hier übrigens das Wort, nachdem du vergeblich mit “Myspace-Komplex” oder “SecondLife” gesucht hast) haben wird.
Mein letzter Gedanke dazu: Wie sehr man sich sozialen Netzwerken widmet und in ihnen “aufgeht”, ist auch immer eine Persönlichkeitsfrage.

  bastih wrote @

@nuacore
wie ich bereits sagte, sind in meinem beitrag keine neuen erkenntnisse enthalten.
was du medienkompetenz meinst, ist mir ehrlich gesagt auch nicht ganz klar. alle sprechen immer von medienkompetenz, was meinen die damit, bitte? was das wort definiert ist mir schon irgendwie klar, aber nicht wie es benutzt wird.

“Hier muss von Seiten des Umfelds (Schule, Elternhaus etc.) eingegriffen werden. Damit meine ich, dass man den Kindern ein Umgang mit den neuen Medien vermitteln muss.”
- sehr richtig. bber ganz ehrlich, dies ist auch nur bedingt möglich, da von institutionen wie schule und elternhaus nur bedingt umgang mit neuen medien und ihren auswirkungen vermittelt werden kann. das ist ein prima slogan für plakate, wenn das einfach so sagt. man sollte nicht unterschätzen wir schwer es älteren generationen fällt, zugang zu dingen zu finden, für die jüngere menschen eine abstrakte form der obsession entwickeln.

soziales netzwerk war im übrigen nicht das wort, was ich gesucht habe. dass, was sich online in communities entwickelt hat ist allerhöchstens ein zweckentfremdetes soziales netzwerk, das nichts mehr mit umgangskonventionen zu tun, die wir erlernen müssen. selbstdarstellung ist selbstverstädlich auch in einem sozialem netzwerk gang und gebe, aber online nimmt das züge an, die eine derarte eigendynamik entwickeln, dass andere wichtige merkmale eines sozialen netzwerks, so wie du es anscheinend definierst, verloren gehen.

eine persönlichkeitsfrage? was, wenn menschen ihre persönlichkeit über virtuelle dinge definieren? ich wollte klar machen, dass man beide “leben” klar voneinander trennen muss, um dieses phänomen zu beleuchten, da ist die persönlichkeitsfrage nur ein abwürgen einer mehr als notwendigen diskussion.

  saripari wrote @

Tja, die originelle Idee hinter Netzwerken wie Facebook, MySpace und von mir aus auch StudiVZ ist ja schön und gut, allerdings ist es wie in jedem anderen Bereich der Menschen eher zu einem Wettbewerb UNTER den Netzwerkbefähigten gekommen, als das Netzwerk als das zu betrachten, was es tatsächlich ist: Nämlich eine Erleichterung des Alltags, wo doch heute alles so vollgestopft ist, dass man einen Weg braucht, der einem die Kommunikation zu ECHTEN Menschen, die man auch tatsächlich KENNT, erleichtert.

Aber wo sind wir jetzt? Wir sehen uns bei der Arbeit, Schule, Uni- und dann “gruscheln” (auch ein ganz, ganz böses Wort) wir uns gegenseitig auf Web 2.0 Plattformen. Und wer mehr Aktivität verbucht, ist The King. Das machen Briefmarkensammler genauso. Status, Wert, Preis- wie viel mache ich im Web 2.0 aus mir selber und wie hoch werde ich dabei von anderen eingeschätzt?

DAS Phänomen gibt’s auch schon überall. In der Disse am besten aussehen, auf der Party das geilste Kostüm haben, das schnellste Auto- aber mit der stetig ansteigenden Signifikanz des Internets muss ja auch hier das Äquivalent zu diesem Bedürfnis geboten werden. Soziale Plattformen sind nichts weiter als ein Schauplatz für Selbstinzenierungen. Das kann gut und bequem sein, aber du hast recht, es kann auch vom Wesentlichen (dem Leben, zum Beispiel) ablenken, weil man es zu einem Teil von sich selbst macht, obwohl es das gar nicht ist.

Das ist bei Blogs wieder anders. Auch wenn man sich hier genauso präsentiert wie auf seinem MySpace Profil, ist wenigstens noch eine gewisse Authenzität gewahrt, weil doch nicht jeder Schreiben kann. Zumindest nicht gut. Die Form der Kommunikation die auf einem Blog passiert ist grundsätzlich ein Teil des Internet, NICHT ein Teil des Lebens, nicht ein Teil der Person, der jetzt ins Internet transportiert wurde, um alles viel realer und eben Web 2.0 zu machen.

Ach ja, und was mir einfällt: Deine erwähnte Revolution zielt auch nur auf Deutschland (ich denke, das hast du aber auch gemeint). Solche Communities (und zwar auch in dem Ausmaße, wenn man die relativen Statistiken betrachtet) gab es auch schon vor 10 Jahren in sogenannten Newsgroups und Foren und was weiß ich nicht. Ich erinnere noch vage an Giga, das erste deutschsprachige Internetportal. Oder diverse IRC (ja, wer erinnert sich noch an die Zeiten vor ICQ & Co?) Chats, die vollgestopft waren… auch Blogs waren im Jahre 2000 schon beliebt, nur eben aus einer anderen Motivation entstanden als das, was wir heute vor uns haben.

  bastih wrote @

ja sara, du hast geschnallt, was ich gemeint habe.

ich frage mich ob communities im internet wirklich plattformen sind, die man als “sozial” bezeichnen kann?!
ich glaube, man müsste in diese´m kontext den begriff “sozial” neu definieren.

  bastih wrote @

@sara
sehr richtig… damals gab es noch eine andere nutzermotivation.


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