1715 und drei Löffel Unexistenz.

Alles total beschissen, alles. Nichts ist ganz, nichts ist weg. In den Händen liegen nur Fragmente.

Dieser Gedanke kommt vielen sicher bekannt vor. Und wenn nicht, dann wird es eine Zeit geben, in der man sagen kann, dass dieser Gedanke einem bekannt vorkommt. Wenn es einem mies geht, weil man gar nicht weiß, was man tun und lassen soll, zuviele Ketten an einem liegen. Diesem Gedanken drückt man gern die Identität eines Problemes auf, was aber – meiner Ansicht nach – überhaupt gar nicht in Zusammenhang gebracht werden kann.

In ihrem tieftraurigem Artikel Erinnerungen hat Sara versucht ein Bild zu zeichnen, von einem Gefühl, dass man eben nicht als “Problem” bezeichnen kann. Sie hat ein Bild gezeichnet von einem Gefühl, für das es kein Wort gibt, welches ansatzweise dieses zutiefst intime IST beinhaltet.

Schreibt sie über Erinnerungen? Mitnichten oder möglich. Wichtig ist es nicht. Natürlich braucht man Erinnerungen, damit man nicht vergisst wer man eigentlich ist. Sara hat – ob ihr das bewusst war, oder nicht – etwas fühlbares ertastet, dass es für niemanden gibt (vielleicht deswegen auch nicht als Wort sagbar).

Schreibt sie über Sehnsucht? Sie tut es. Nicht die Sehnsüchte, die jeder einfach so aussprechen kann, weil sie da sind und da bleiben, wo sie entstanden sind: im Kopf. Es scheint so, dass wenn man Sehnsüchte ausspricht nur partiell das zum Ausdruck kommt, was man sagen will. Wie ein Code, der teilweise universal einsetzbar ist, weswegen wir auch sagen können “… stimmt. Geht mir genauso…”. Wenn man sie ausspricht diese Sehnsucht, dann ist sie keine mehr, denn sie verlässt für das Mitteilen den Ort, in dem sie entstand: den Kopf. Wenn sie ausgesprochen wurde, existiert sie.

Sara meint wahrscheinlich die Sehnsucht – und das finde ich auf der einen Seite superschön als Idee, auf der anderen Seite betäubend traurig als Hörender/Lesender – die niemand aussprechen kann und deswegen auch nicht existieren kann. Existieren tut die Reaktion des Körpers, der hilflos ist, weil er Verpackung für etwas ist, dass ihm nicht gut tut. Es ist die unsichtbare, einen ein völlig einnehmende und lähmende Angst vor einer Sache, einem zustand, der innerlich schon längst da ist. Wie kann man Angst vor etwas haben, dass im Kopf schon lange existent ist? Die Tatsache, dass man es erst jetzt realisiert:

Sie hob ihre Hand, aber sie war nicht mehr da. Sie sah sie nicht. Sie war verschwunden, verzehrt von Schmerz, von den Tränen. Es gab sie nicht mehr. In ihrer Unexistenz stand sie langsam auf von der Couch. Sie ergriff die Rotweinflasche, aber sie spürte nicht das Glas zwischen ihren Fingern. Sie warf sie gegen die Wand, aber der riesige, blutfarbene Fleck war nur schwarz. Schwarz, und grau, und weiß, in den letzten Nischen. Sie schaute in den Spiegel, aber sie sah sich nicht. Mit aller Gewalt riss sie die Augen auf, hielt mit den Fingern ihre Lider auseinander, aber sie sah sich nicht, schreibt Sara.

Es ist etwas passiert, das Innere ist nach außen, das Äußere ist nicht mehr da und innen ist nichts mehr. Was soll man dann sehen, wenn man in den Spiegel schaut? Nichts.
Man verschwindet, löst sich auf und mit einem das Gefühl, für das es kein Wort gibt. Das was man als “Problem” in diesem Fall bennenen kann, ist, dass es wahr ist. Es gibt diesen Zustand. Den kann man dann zwar bewusst ignorieren, wie das Telefon, von dem Sara sprach, aber er wird sich nicht ohne weiteres auflösen wie man selbst.

Danke für deine Zeichnung, Sara. Für dieses ehrliche Portrait eines Gefühls, für das es keine Erinnerungen geben kann. Wenn man nicht existiert, ist man niemand, und genau das läuft dem Prinzip der Erinnerung entgegen. Ich glaube, ich verstehe gerade den Titel deiner semi-fiktiven Geschichte.

Erinnerung. Wer hätte gedacht, dass drei Löffel Eiscreme, drei Löffel Unexistenz bedeuten können.

2 Kommentare »

  saripari wrote @

Ich glaube, deine Interpretation drückt sogar noch viel mehr aus, als meine eigentliche Intention dahinter. Ich bin ja immer der Meinung, dass der Autor einer Geschichte nichts Gutes tut, wenn er seine eigene Geschichte interpretiert oder geradezu erklärt; das, was du hier rausfilterst, ist um einiges besser.

Nicht um zu sagen, dass das nicht gemeint war- das auf jeden Fall. Aber ich wollte zusätzlich etwas anderes, viel, viel einfacheres vermitteln. Ich denke, ich nehme hier nichts vorweg, wenn ich das geradeheraus und blatant auftische: Es ging um die eigene Existenz in Abhängigkeit von Erinnerungen ANDERER Menschen, und zwar die Erinnerungen an einen selbst. Frei nach dem Motto: Wenn ein Baum umfällt und keiner ist da um es zu hören, macht es dann überhaupt ein Geräusch?

Inspiriert wurde ich vom Ende des Buches Everything Is Illuminated, das wir ja beide gerade lesen. Da geht es auch um das Thema Erinnerungen, auch wenn auf eine andere Art und Weise.

Trotzdem finde ich deine Analyse geradezu wunderschön und muss mich bei dir bedanken, vor allem weil du mir soetwas zutraust, und vor allem weil du dich tatsächlich damit auseinandersetzt. Das Gefühl von Schmerz und diese Nichtexistenz, alles, was in dieser Geschichte steckt, ist real. Das ist das traurigste daran. Aber wie vermitteln, wenn man nicht in psychologische Wissenschaften ausschweifen will? Manchmal sind die naheliegensten Mittel die einfachsten.

Wir sollten mal zusammen eine psychologische Abhandlung über Gefühle schreiben, die man nicht beschreiben kann. Das sieht dann so aus: Kapitel 1: Gefühl. Kapitel 2: Kann man nicht beschreiben.

Ende.

;)

  bastih wrote @

das wäre schön…. =J.


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