Archiv für Januar, 2008

2039 und Platsch.

Manchmal fühlt man sich wie ein Wassertropfen, dessen Oberflächenspannung steigt. Das ganze geschlossene System darin vergeht, platzt und platscht einfach irgendwohin. Und es war gar keine Zeit da, weil man es nicht aufhalten kann, dass irgendwann alles platzt und runterplatscht. Ein Tropfen Zeit. Mehr nicht. Das System entsteht und vergeht.

Der Moment, wenn die Oberflächenspannung steigt, der ist abstrakt. Er ist einfach nur Platsch.

1111 weil ich einfach nicht da bin.

Ich kaufe ein. Bezahle 18,29 EUR für Lebensmittel. Gehe arbeiten. Bis um vier. Gehe um fünf ins Bett. Stehe um sechs wieder auf, ohne auch nur eine Minute geschlafen zu haben. Sitze in der Vorlesung, nicke andächtig wenn der Blick des Professors auf mich fällt. Nicke andächtig, wenn irgendwer mir etwas erzählt und lediglich mimische Resonanz erwartet. Gehe Skripte kaufen, kopiere Sachen, gehe essen in der Mensa. Fahre nach Hause mit der Straßenbahn, stehe nicht auf, wenn eine alte Frau die Bahn betritt, starre vor mich hin. Gehe arbeiten. Vorher noch einkaufen. Ich bin einfach nicht da.  

Wenn sie mich küsste, dann hat sie mir auf die Lippen gepustet, als würde sie einen heißen Tee abkühlen um ihn trinken zu können. Jetzt sind sie ausgetrocknet, meine Lippen. In meinem Kühlschrank stapeln sich die 18,29-EUR-Einkäufe, ohne auch nur angerührt worden zu sein. Getrunken habe ich seit fast zwei Tagen nichts mehr. Jetzt wo ich nicht schlafe kommt es mir vor, als würde ihre Abwesenheit schwerer sein, als wenn sie auf mir liegen und schlafen würde. Sie kommt auch nicht mehr.

Eine SMS hat ihrem Namen alle Ehre gemacht: 

„Ich kann das einfach nicht mehr. Es wäre besser für mich, wenn wir uns trennen. Melde dich nicht mehr.“ 

Auf Arbeit stehe ich in einer Ecke und sortiere Bierkisten ein, ungekämmt, unrasiert, ungeduscht, Müdigkeit in jeder Faser meines Körpers. Ich bin einfach nicht da. Du bist nicht da. Du bist nicht da. Meine Lippen beweisen es. Und du denkst vermutlich gerade an dich und nicht an mich, geschweige an uns. BUMM. Die nächste Bierkiste. Wenn ich mich nach dir sehnte, war ich bei dir und dann sehnte ich mich nicht mehr. Alles was da war, fehlte dann nicht und das wusste ich. Und wenn doch, dann schlief ich neben Decken und Kissen, die ich neben mir geformt habe um meine Gedanken zu Ende zu skizzieren, bevor ich schlief. BUMM. Die Kiste verfehlte ihr Ziel krachte vorne hinüber, ich hielt sie fest und tat mir weh, was ich nicht spürte, weil ich einfach nicht da war.

Ich krabbelte in die Ecke, mit zitternder Hand, wahrscheinlich vom Schmerz, für den die Bierkiste verantwortlich war, vielleicht vom Schmerz, den mir die SMS zugefügt hat. Ich weiß es nicht. Ich bin einfach nicht da.  Als ich die SMS bekam, sah ich ihren Namen und dachte an Worte wie „Hey Liebster, du fehlst mir, war gerade dort und dort. Kann heut Abend nicht telefonieren. Morgen? Liebe dich.“.

Als ich sie öffnete und las, sagte mein Gesicht genau das. Niemand um mich herum registrierte, dass da gerade was unheimlich falsch läuft in mir. Das ist so, als würde der Jagdhund, während er das Wild aufscheucht, vergessen was er ist und was er tun muss. Er bleibt stehen und empfindet nichts außer „nichts“! Wieso schreibt sie mir das? In einer SMS. Eine SMS, in der etwas anderes hätte stehen können, ja stehen müssen. Die SMS sah so aus, als würde drin stehen: „Hey Liebster, du fehlst mir, war gerade dort und dort. Kann heut Abend nicht telefonieren. Morgen? Liebe dich.“. 

Wieso sah die SMS so normal aus, wieso hat mein Handy nicht geblutet oder wenigstens einen schmerzhaften Laut von sich gegeben, damit mir signalisiert wird, dass so eine furchtbare Nachricht für mich nicht so aussieht wie etwas alltägliches. Wie kann so was so normal aussehen? Sie hätte in rot schreiben können oder vielleicht eine MMS. Oder ein Anruf. Oder ein Brief. Oder zu mir fahren. Oder mich gar nicht verlassen. Meine Lippen anpusten bevor sie sie küsst. Mir sagen, dass sie mich liebt oder dass sie heute dort und dort war und ich sie morgen anrufen soll. Aber nicht so schmucklos. 

Ich bin jetzt einfach nicht da. Wo ich bin, weiß ich nicht. Als ich zwischen den Kisten in der Ecke saß und die nächste zu mir zog um sie aufzutürmen, versuchte ich ihren Namen zu sagen. Meine Stimme war seit mehreren Tagen nicht mehr benutzt worden, es wurde nur andächtig genickt. Es kam kein Laut. Ich versuchte es noch mal. Kein Ton. Meine Augen füllten sich mit dem, das schon beim Lesen der SMS hätte fließen müssen. Ich versuchte immer wieder ihren Namen zu sagen. Ich erinnerte mich schlagartig an alles und vergaß es. Als würde man einem Blinden für zehn Minuten die Fähigkeit zu sehen schenken. Oder einem Engel den Wunsch erfüllen, mal für ein Tag ein Mensch zu sein. Man nimmt es war und versucht diese Erinnerung auf ewig an sich zu reißen oder sie zu konservieren.

Alles was mir bleibt, ist eine schmerzende Hand, ein Kopf, der vergessen hat, was er zu tun hat und wen er darstellt, ein bibberndes Kinn und Augen, die so aussehen als würden sie die Trauer von allem in sich tragen, die heimlich in einer Lagerhalle zwischen Bierkisten sitzt und „nichts“ empfindet. Weit davon entfernt etwas zu realisieren, weit davon entfernt mit den sinnlosen Einkäufen aufzuhören, weit davon entfernt, meine Blicke vom Handy zu lösen, weil die einzige Möglichkeit mich zu diesen Dingen zu bringen darin besteht, dass sie mich anruft und mir sagt, dass sie mich liebt, mich vermisst und das ich sie doch bitte erst morgen anrufen soll, weil sie heut dort und dort war. Ich gehe kaputt. Ich bin einfach nicht da.

Hoffentlich sterbe ich nicht an dieser Trauer, an diesem Zustand, den nur der Jagdhund kapiert, der vergessen hat, wer er ist und warum er was tut. Ich stehe quasi im Wald und setze alles daran, zu kapieren was gerade los ist. Übrig bleibt die Fassade, die schweigend zwischen Bierkisten sitzt und nur noch vor Augen hat ihren Namen auszusprechen. Hoffentlich sterbe ich nicht an diesem Zustand, ich wüsste nämlich nicht, ob ich als Engel mir wünschen würde mal für ein Tag ein Mensch zu sein. Nicht, wenn ich nicht ihren Namen sagen könnte. Ich bin einfach nicht da. Ich verstehe nicht wieso du weg bist. Aber du fehlst mir. Du fehlst mir.

0903 und Fantasiehymne.

„Ey, sag mal, leihst du mir deine Mutter, ich will zum Fasching als Hurensohn gehen“, höre ich den Typen sagen. Wir befinden uns auf einer sehr geilen WG-Party und es ist Freitag. Ich gucke ihn entsetzt an, was nicht unbedingt durch seine Aussage motiviert wurde, viel eher durch seine Rock’a'Billy-Mecke, seiner Ziegenarschleder-Jacke und einer Porno-Sonnenbrille, mit der man im Dunkeln nicht viel sehen kann, ist ja klar. „Wie bitte?“, frage ich ihn, wobei ich die Aussage nicht noch mal hören wollte, sondern seinen Betrunkenheitsgrad messen wollte. „Haha. Vogel“, sagt er.

Keine zwei Minuten, hatte ich seine Beine schraubstockartig im Sharpshooter, der ultimative Finishing-Move des legendären Brat „The Hitman“ Hart. Nun. Er wäre stolz auf mich gewesen, denn Specki jammerte vor Schmerz. Ich sollte mehr WWF gucken (oder WWE, wie es jetzt heißt), dann hätte ich noch im Kopf gehabt, wie die Powerbomb geht. Und nachdem ich ihn zur Aufgabe gezwungen hatte, beschloss ich noch spontan ihn ordentlich zu vermöbeln und zu quälen. So mit Jacke wegnehmen, und so. Ich ärgerte mich, dass ich vorher noch geduscht und frische Unterwäsche angezogen hatte, ansonsten hätte ich sie ihm ins Gesicht gerieben. Was fällt ihm auch ein?!

Ich wünscht, ich könnte in meiner Fantasie leben. Da ist alles so bunt und irre, nichts erdrückendes, keine Spasten – und wenn doch, dann wird das in einem gepflegten Beef im Tag-Team mit Razor Ramon geklärt. Wobei ich natürlich als Sieger hervorgehe.

So much to do. So much to think. Mein einziger Vorsatz, den ich mir für dieses Jahr genommen habe, den setze ich um, darüber bin ich froh. Leider bin ich dort auf etwas Vergangenes gestoßen, das ich erlebt habe und verdrängt habe. Niemand weiß es. Niemand. Und niemand wird es je erfahren. Niemals. Ich weiß auch nicht. Mir fällt auf, dass ich mich mehr öffne und zur Zeit wird das honoriert. Trotzdem lebe ich immer noch mehr innerlich, als äußerlich. Bin wohl zu ungeduldig. Auf jeden Fall ist da ansonsten sehr viel Ausgleich. Alles cool zur Zeit, nur viele Kopfkinos und eigenartige Szenarios.

1849 und das Treffen mit Rob.

Das Treffen mit Rob letztens war ziemlich großartig. Ich hatte das Gefühl, dass da zwei Theoretiker (was zwischenmenschliche Sachen angeht) aufeinander getroffen sind, die Drang zur Praxis haben.

Hab ein paar Einblicke in Robs Leben bekommen. War teilweise sehr erstaunt, angenehm überrascht. Leider war es viel zu kurz. Kann nur soviel sagen, dass ich das gerne wiederholen würde. Mit mehr Bier und mehr Kirschsaft.

Und kreativ ist der Typ, dass hatte ich nicht erwartet. Bis demnächst, Rob.

0547 und der Luxus der Freiheit.

Freiheit ist der geistige Luxus, den wir uns gönnen, wenn wir Realität und Wahrheit für kurze Augenblicke ausblenden.

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