Sie wusste nicht nicht mehr weiter, als sie das Fenster im 107. Stockwerk aufriss.
„Ich weiß einfach nicht mehr weiter.„, dachte sie.
Das war wohl das einzige, das sie ganz sicher wusste. Zu groß war der Druck, zu schwach war die Fantasie und das Vermögen sich in rettenden Welten zu verlieren. Der Wind schoss durch ihr Haar, durch ihr Gesicht, als sie sich ans Fensterbrett stellte. Es war so wahnsinnig laut und doch so still. Sie dachte, wie seltsam es sei, dass man an einen Punkt gelangen könne, an dem das Denken unmöglich wird.
Ihre Augen waren offen. Das wusste sie genau. Der Lärm des Windes war so unerträglich und trotzdem beruhigend. Wie kann etwas so laut sein, dass man gar nicht sehen kann? Als sie ihre Arme ausbreitete wurde ihr gedankenlos klar, dass Abschied nur dann ein Abschied ist, wenn er still und heimlich geschieht, wenn er nicht ausgesprochen wird.
Sie wolle springen. Aus dem 107. Stockwerk eines Gebäudes. Eine letzte Träne lief ihr über die Wange als der Entschluss in ihrem Kopf den Eingang zum weiteren Leben in die Luft jagte. Da war niemand, der sie liebte. Da waren tausende, die sie begehrten. Sie war so ausgezerrt vom Nicht-Geliebtwerden. Ihre Zunge striff ein letztes Mal ihre wunderschönen weichen Lippen. Sie schmeckte das letzte Mal das Salz ihrer Tränen. Dann sprang sie in die Freiheit. Wie der Vogel. Sie war frei.
95. Stockwerk. Der Zeitabschnitt zwischen dem Sprung aus einem Hochhaus bis zum Aufschlag ist kein richtiges Leben mehr. Es bringt den freiwilligen Entschluss zur Geltung. Und man ist selten so allein wie bei solch einem Fall. Es spielt keine Rolle mehr, was hinter einem lag und was geschehen wird. Man befindet ich im Niemandsland. Vielleicht war der Wind ja deswegen so laut, weil zwischen dem Erdboden und dem 107. Stockwerk eine unsichtbare Welt existiert, die man nur dann sehen bzw. spüren oder fühlen kann, wenn man springt. Der Lärm kommt aus dieser unsichtbaren Welt. Erzeugt von den vielen gequälten Seelen, der ungeliebten Menschen, die gesprungen sind. Sie wollen warnen, sie wollen locken, sie wollen Liebe. So ist es immer. Aber sie bekommen jedes Mal nur Gesellschaft einer weiteren gequälten Seele.
67. Stockwerk. Es dauert nicht mehr lang. Die Erinnerung kommt meinem fliegenden Körper nicht mehr hinterher. Sie ist weg. Mein Traumwandler, meine Träume, meine Wünsche und Gebete, meine Fantasien, die Liebe, die einfach weg war oder niemals da war. Alles weg. Muss sich alles zwischen dem 67. Stockwerk und dem 95. Stockwerk befinden. Die gequälten Seelen müssen danach gegrabscht haben. Sie sind einfach zu ausgehungert. Und ich fliege, anstatt zu fallen, denn ich will nach unten, ich will aufschlagen und mich befreien. Wie kann ich da fallen. Ich fliege. Und habe keine Angst mehr.
24. Stockwerk. „5.“ Ich will nach Hause. Warum bin ich niemals geliebt worden? Hatte ich es nicht verdient? Ich hab soviel gegeben und soviel Liebe in mir gehabt. „4.“ Ich will nach Hause zu ihm. Dem Traumwandler. Er war Quelle meiner Träume, meiner Wünsche und Gebete und meiner Fantasien. „3.“ Ich will nach Hause. Mit ausgestreckten Armen, die Tränen viel weiter oben im 107. Stockwerk. Endlich habe ich eine Entscheidung getroffen. Endlich ist die Qual vorbei. „2.“ Ich will nach Hause. Ich will weinen. Liebe. „1.“ Ich will nach Hause. Mach’s gut, du Welt, die mich nie registriert hat, die zum Scheitern verurteilt sei und ich bete, dass das einzige,was von dir übrig bleibt die Liebe sein wird, auf die ich so vergeblich gewartet habe. Seltsam, dass sie mich trotz ihrer permanenten Abwesenheit befreit hat.
„0.“ Kurz vor dem Aufschlag stoppt der Fall der jungen Frau. Nur einen Meter über dem Boden, mit dem Kopf vorran, ist die Zeit stehen geblieben. Der Beton unter ihr wird weich. Ein Mund formt sich und spitzt seine Lippen um die junge Frau zu berühren, zu küssen. Sie dachte nicht mehr. Man stirbt nicht beim Aufschlag, sondern einen Meter über dem Boden. Und wenn wir alle ehrlich sind, stirbt man sogar noch davor. Noch bevor man gesprungen ist, ist man gestorben, sonst würde man nicht springen wollen, nicht gegen einen Baum fahren, sich die Pulsadern aufschneiden, oder sich sonst vom Leben „befreien“. Das Leben ist nur das Negativ vom Tod. Übrig bleibt nur ein Name und ein paar Erinnerungen. In vielen Fällen war die Liebe nicht da.
Der Beton wurde wieder zu Beton. Der letzte Gedanke des Mädchens war „Ich will nach Hause. Zu ihm. Liebe.“. Dann schlug sie auf. Nicht auf dem Beton. Sondern auf ihrer Freiheit.
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„Und wenn wir alle ehrlich sind, stirbt man sogar noch davor. Noch bevor man gesprungen ist, ist man gestorben,“
Word.
Ein Hoch auf die Flügel, Engel – und Aufwind.