Archiv für November, 2007

1053 im Alkoholrausch.

aposNachdem ich mit Sara einer Meinung bin, was gute Filme angeht, haben wir uns jetzt auch auf ein ganz besonderes Phänomen geeinigt: menschliches Verhalten im Alkoholrausch.

Manche Menschen machen sowas hier, wobei ich mir nicht sicher bin, ob da wirklich Alkohol im Spiel war.

Wieso verändern sich Menschen eigentlich wenn sie betrunken sind? Aus biologischer Sicht brauchen wir dieses Thema gar nich zu zerpflücken. Mich würde aber mal interessieren, wieso manche/viele betrunkene Menschen so völlig anders sind, als im nüchternen Zustand.

Mein Alkoholkonsum war nie riesig, auch wenn ich vor einigen Jahren öfter mal einen kleinen Abstecher ins Camp Kotze machen musste. Aber in den zwei Jahren gehe ich echt bewusst mit Alkohol um. Ich kann an zwei Händen abzählen, was ich mir im Jahr betreffs Vollrausch gebe. Das sind dann meistens Events, wo ich es will.

Mein Alkoholverhalten:

  1. Die erste Stufe ist einfach mehr Quatschen, offener sein, genießen wie der Blick langsamer hinterherkommt, als der Kopf sich bewegt. Mir gefällt an dieser Stufe, dass ich einfach alles mitbekomme und mega gute Laune habe.
  2. Das ist die Stufe, die einsetzt, wenn ich weggehe und nicht unbedingt die Interaktion mit meinem Umfeld brauche. Ich bin immer noch in der Lage zuzuhören und zu lachen. Das ist auch so eine Phase, in der sexuelle Triebe vorkommen, die ich dann unterdrücke (weil: kein Aufreißer), aber immer im Hinterkopf habe. Ich lasse in dieser Phase meinen Humor ohne Kompromiss raus. Und charmant…. das darf ich nicht vergessen. Das bin auch ;).
  3. Endphase und Endgegner. Entweder wollte ich es so oder ich bin verdammt deprimiert, was aber so gut wie nie vorkommt. In dieser Phase vermeide ich es, irgendwen zu irgendwas überzeugen zu wollen. Ich fall ins Bett und bete, dass ich nicht dehydriere bevor die erholsame R.E.M.-Phase beendet wurde (REM bedeutet im übrigen RABBIT EYE MOVEMENT und bezeichnet die Traumphase, wobei die Augen sich bewegen, in der Tiefschlafphase, glaube ich).

Ich werde alkoholisiert nicht aggressiv, nicht übermütig, ich gröhle keine dämlichen Fußballgesänge, ich werde nicht aufdringlich, laber auch niemanden einen Beutel Knete an die Backe, ich opfere nicht rum, ich heule nicht weil alles so scheiße ist, ich werde auch nicht streitsüchtig und ich provoziere auch niemanden mit Wahrheiten.

All diese Dinge legen aber fast alle Menschen, die ich kenne an den Tag (nicht alles, sondern immer mindestens eins dieser Dinge). Woran liegt das? Liegt es daran, dass ich im Einklang mit mir selbst bin? Oder schlummern in anderen Menschen einfach weitere Persönlichkeiten, die Alkohol als Eintrittskarte benutzen um auch mal nach außen zu kommen und Sonne zu sehen. Als würde das Gehirn genau abwiegen, welche Persönlichkeit alltagstauglich ist. Alle anderen Persönlichkeiten sind verkörperte Probleme und Komplexe. Vielleicht wird einem deswegen auch schwindlich, wenn man betrunken ist (ich will keine Klugscheißereien hören von wegen, dass der Gleichgeweichtssinn gestört wird, klar?). Vielleicht liegt es daran, dass dann einfach andere Seiten nach außen kommen und das Gehirn einfach überlastet ist. Es wehrt sich, weil man besoffen doch nur zum Handy greift und den/die Ex ansimst, weil man noch was los werden will, man geil ist oder einem atemberaubende Erkenntnisse durch den Kopf schießen.

Ich finds auch krass, wieviele Menschen tatsächlich glauben, alkoholisiert zu ficken ist eine Entschuldigung. Klar, wird man empfänglicher für Berührungen, verspürt mehr Lust, blabla……. aber sich permanent einreden zu wollen, dass es durch den Alkohol kommt, finde ich scheinheilig. Ich glaube, es liegt daran, dass man Seiten in sich hat, die so unterdrückt werden, dass sie DURCH den Alkohol ans Tageslicht kommen. Alkohol ist das Instrument, nicht die Ursache. Die Ursache wird tagtäglich unterdrückt in einem selbst.

Und da ich bereits nüchtern alle Seiten in mir auslebe und zulasse, bin ich alkoholisiert verdammt gut zu ertragen.

Bin übrigens trotzdem dafür, Alkohol zu verbieten. Generell. Weniger Tote, weniger Verletzte, weniger Herzschmerz.

0949 und irgendwie gruslig.

aposIch war mir nicht ganz sicher, ob der Weihnachtsmann einen drauf gemacht hat und viel zu früh dran war. Ausschließen kann ich das im Nachhinein mit großer Sicherheit, da ich ja nun alles andere als artig zu bewerten bin. So. Auf jeden Fall werde ich um ein Uhr nachts durch merkwürdige und gruslige Geräusche aus dem Flur geweckt. Ich steh also völlig verschlafen, gnatschig und verquaddelt auf und schlurfe mit geschlossenen Augen, das eine Bein nachziehend und einem schmerzverzerrtem Gesicht (wegen Müdigkeit) in den Flur und muss feststellen, dass sich da jemand am Schloss meiner Wohnungstür zu schaffen macht. Schon ganz schön gruslig. Bereit für Beef war ich nur bedingt, da ich und Mr. Mola eigentlich grade noch im Traumland waren. Außerdem war ich ja fast nackt.

Ich frage also ein wenig empört durch die Tür:

Entschuldigung? Was solln’ das werden, wenns fertig is?

Eine weibliche Stimme entgegnet mir:

Na, ich will in die Wohnung?

Bitte? Hab ich das richtig verstanden. Gehen wir mal von der Tatsache aus, dass ich als Mieter einer Wohnung irritiert wäre, wenn mein Schlüssel nicht passt und mir eine verschlafene fremde Stimme hinter der Tür eine Frage stellt, so würde ich doch niemals darauf entgegnen, dass ich doch in die Wohnung wollen würde.

Ich so: “Is nich. Falsche Wohnung.

Sie: “Ach soooo. Tschuldigung.”

Ich ging wieder ins Bett und war einfach nur froh, dass es noch merkwürdigere Menschen als mich gibt.

1621 und Wicked.

aposNeulich in der Vorlesung “Organisation und Ökonomie der Medien”:

Wenn diese Vorlesung ein Gefühl wäre, dann wäre sie ein Kater. Alles verschwommen, man versteht nix, will jemanden eine reinhauen, aber man kann nicht, weil man zu schwach ist.”

by Thomas

1138 und keine Liebe, so intensiv nichts.

aposSie wusste nicht nicht mehr weiter, als sie das Fenster im 107. Stockwerk aufriss.

Ich weiß einfach nicht mehr weiter.“, dachte sie.

Das war wohl das einzige, das sie ganz sicher wusste. Zu groß war der Druck, zu schwach war die Fantasie und das Vermögen sich in rettenden Welten zu verlieren. Der Wind schoss durch ihr Haar, durch ihr Gesicht, als sie sich ans Fensterbrett stellte. Es war so wahnsinnig laut und doch so still. Sie dachte, wie seltsam es sei, dass man an einen Punkt gelangen könne, an dem das Denken unmöglich wird.

Ihre Augen waren offen. Das wusste sie genau. Der Lärm des Windes war so unerträglich und trotzdem beruhigend. Wie kann etwas so laut sein, dass man gar nicht sehen kann? Als sie ihre Arme ausbreitete wurde ihr gedankenlos klar, dass Abschied nur dann ein Abschied ist, wenn er still und heimlich geschieht, wenn er nicht ausgesprochen wird.

Sie wolle springen. Aus dem 107. Stockwerk eines Gebäudes. Eine letzte Träne lief ihr über die Wange als der Entschluss in ihrem Kopf den Eingang zum weiteren Leben in die Luft jagte. Da war niemand, der sie liebte. Da waren tausende, die sie begehrten. Sie war so ausgezerrt vom Nicht-Geliebtwerden. Ihre Zunge striff ein letztes Mal ihre wunderschönen weichen Lippen. Sie schmeckte das letzte Mal das Salz ihrer Tränen. Dann sprang sie in die Freiheit. Wie der Vogel. Sie war frei.

95. Stockwerk. Der Zeitabschnitt zwischen dem Sprung aus einem Hochhaus bis zum Aufschlag ist kein richtiges Leben mehr. Es bringt den freiwilligen Entschluss zur Geltung. Und man ist selten so allein wie bei solch einem Fall. Es spielt keine Rolle mehr, was hinter einem lag und was geschehen wird. Man befindet ich im Niemandsland. Vielleicht war der Wind ja deswegen so laut, weil zwischen dem Erdboden und dem 107. Stockwerk eine unsichtbare Welt existiert, die man nur dann sehen bzw. spüren oder fühlen kann, wenn man springt. Der Lärm kommt aus dieser unsichtbaren Welt. Erzeugt von den vielen gequälten Seelen, der ungeliebten Menschen, die gesprungen sind. Sie wollen warnen, sie wollen locken, sie wollen Liebe. So ist es immer. Aber sie bekommen jedes Mal nur Gesellschaft einer weiteren gequälten Seele.

67. Stockwerk. Es dauert nicht mehr lang. Die Erinnerung kommt meinem fliegenden Körper nicht mehr hinterher. Sie ist weg. Mein Traumwandler, meine Träume, meine Wünsche und Gebete, meine Fantasien, die Liebe, die einfach weg war oder niemals da war. Alles weg. Muss sich alles zwischen dem 67. Stockwerk und dem 95. Stockwerk befinden. Die gequälten Seelen müssen danach gegrabscht haben. Sie sind einfach zu ausgehungert. Und ich fliege, anstatt zu fallen, denn ich will nach unten, ich will aufschlagen und mich befreien. Wie kann ich da fallen. Ich fliege. Und habe keine Angst mehr.

24. Stockwerk. “5.” Ich will nach Hause. Warum bin ich niemals geliebt worden? Hatte ich es nicht verdient? Ich hab soviel gegeben und soviel Liebe in mir gehabt. “4.” Ich will nach Hause zu ihm. Dem Traumwandler. Er war Quelle meiner Träume, meiner Wünsche und Gebete und meiner Fantasien. “3.” Ich will nach Hause. Mit ausgestreckten Armen, die Tränen viel weiter oben im 107. Stockwerk. Endlich habe ich eine Entscheidung getroffen. Endlich ist die Qual vorbei. “2.” Ich will nach Hause. Ich will weinen. Liebe. “1.” Ich will nach Hause. Mach’s gut, du Welt, die mich nie registriert hat, die zum Scheitern verurteilt sei und ich bete, dass das einzige,was von dir übrig bleibt die Liebe sein wird, auf die ich so vergeblich gewartet habe. Seltsam, dass sie mich trotz ihrer permanenten Abwesenheit befreit hat.

“0.” Kurz vor dem Aufschlag stoppt der Fall der jungen Frau. Nur einen Meter über dem Boden, mit dem Kopf vorran, ist die Zeit stehen geblieben. Der Beton unter ihr wird weich. Ein Mund formt sich und spitzt seine Lippen um die junge Frau zu berühren, zu küssen. Sie dachte nicht mehr. Man stirbt nicht beim Aufschlag, sondern einen Meter über dem Boden. Und wenn wir alle ehrlich sind, stirbt man sogar noch davor. Noch bevor man gesprungen ist, ist man gestorben, sonst würde man nicht springen wollen, nicht gegen einen Baum fahren, sich die Pulsadern aufschneiden, oder sich sonst vom Leben “befreien”. Das Leben ist nur das Negativ vom Tod. Übrig bleibt nur ein Name und ein paar Erinnerungen. In vielen Fällen war die Liebe nicht da.

Der Beton wurde wieder zu Beton. Der letzte Gedanke des Mädchens war “Ich will nach Hause. Zu ihm. Liebe.”. Dann schlug sie auf. Nicht auf dem Beton. Sondern auf ihrer Freiheit.

Adrianistory

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1307 und Re-Verlust.

aposBevor sie sah, was passierte, war es auch schon dunkel. Eine Stunde später stand ein netter Elektriker vom Havariedienst in der Küche, ähnlich einem Messiparadies und schraubte im Sicherungskasten rum.

Ein Havariedienst für zwischenmenschliche Schwierigkeiten, dachte ich mir zwischen dem Stromausfall und der Ankunft des Elektrikers, wäre eine feine Sache. “Guten Tag, ich weiß nicht mehr wie ich was denken soll.”, würde ich dann fragen.

In dieser Stunde saß ich mit Ebru, Erik, Dana, Anna (Verantwortliche für den Stromausfall) und Laura in einer finsteren Küche an einem Tisch mit Kerzen. Erik war traurig, weil man ihm in seine Erdnussschachtel geascht hat, was aber doch logisch ist, wenn es dunkel ist. Ich dachte daran, dass sich betrunkene Männer immer an einen Baum stellen, wenn sie pinkeln müssen, wie Hunde und das es ziemlich strange wäre, wenn sie es nicht tun würden. Ich dachte an Tränen, die ins Auge zurückfließen, weil man den Grund des Weinens schon wieder vergessen hat. Ich dachte daran, wie ich nass in der Dusche stehe und rückwärts trocken wieder rauskomme. Ich dachte an meinen letzten Sex, wobei das Blut wieder zurück in Körper floss und ich rückwärts aufstehe und meine Sache wieder anziehe. Ich dachte an meinen Motorradunfall, wie das zerstörte Blech wieder ganz wird und ich rückwärts vom Asphalt auf das Motorrad fliege.

Ich will einen Havariedienst dafür, um Verluste reversibel zu machen. Nicht um Dinge ungeschehen machen zu können, sondern weil das einfach besser so wäre. Hätte ich sie damals wirklich geschlagen, als ich rausbekam, dass sie mich betrog? Auf jeden Fall denke ich daran, dass meine Faust sich rückwärts aus dem Gesicht des Typen, mit dem sie mich betrog, bewegt. Ich sehe den Frust, der sich zu Glück rückwärts umwandelt, die Leiche meines Freundes Peter, die ins Auto zurückgeschleudert wird und ihn somit wieder zum Leben erweckt.

Ich sehe die vielen Lügen, die ich nie aussprechen musste und auch die Entscheidungen, die gar nicht getroffen werden können, sollte der Havariedienst seine Sache gut machen. Wenn ich genauso viele Finger hätte, die der Zahl der Verluste gleich käme, dann könnte ich die Handschuhindustrie revolutionieren. Ich bräuchte einen achten Wochentag, dem ich dem Fingernägelschneiden widmen müsste. Vielleicht würde ich sogar vergessen, dass ich soviele Sache vergessen habe, weil ich sie vergessen musste.

Diesen Havariedienst gibt es nicht. Als das Licht in der Küche wieder anging, freuten sich alle. Außer Erik und mir. Erik, weil Asche in seinen Erdnüssen war. Ich, weil ich neidisch auf den Sicherungskasten war, dessen Probleme einfach durch den simplen Akt des Erneuerns weg waren.

Ich spitzte die Ohren, als der Elektriker sagte, dass sie sich neue Sicherungen kaufen sollen. Ich schaute traurig auf den Boden und fragte mich, ob auch Menschen anfällig für Kurzschlüsse seien.

Gibts eigentlich für alle Sachen eine Lösung?

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