Live & Direct #1.
“Wenn ich du wär, würd’ ich nich mehr du sein wolln’.”
Es gibt Situationen, da wird einem sein Zwei-Sterne-Leben knallhart bewusst. Ausgebreitet hat sich dieser Gedanke heute morgen, als ich um halb sechs von einer Fliege geweckt wurde. Basti, genervt von dem Flug einer nicht-euklidischen Fliege. Wie schäbig. Man öffnet die Augen und das Erste was sein Bewusstsein auf einen lenkt ist eine Fliege. Eine F L I E G E. Sie kreiste über meinem Gesicht. Ich bin quasi schon deprimiert viel zu früh aufgestanden und die Tatsache, dass sich Fliegen normalerweise in der Nähe von Kot und Müll aufhalten, hat mich auch nicht sonderlich aufgemuntert. Man stelle sich das vor. Ich liege in meinem Bett mit müden, schlafsandverklebten Äuglein, über mir eine Kot-Müll-Fliege und ich zucke zusammen und presse ein “BEKACKT!” aus mir. Ich finde ja, dass das mein Leben auf den Punkt bringt.

Ja. Mein Leben hat in gewissen Situationen wahrlich den Status eines Zwei-Sterne-Lebens. Aber ich stehe damit nicht allein da. Das beruhigt mich ein bisschen. Obwohl das erheblich zu meinem Zwei-Sterne-Leben beiträgt.
[1] Ich erinnere mich an eine Party in Berlin, auf der mich so eine Hurentochter übelst von der Seite angemacht hat, dass ich verdammt hässlich sei. Was soll man da groß sagen. Kaum haben bestimmt Menschen ne Pilsette in der Blutbahn, werden sie ehrlich. Ich muss nicht hinzufügen, dass diese Biatch selbst ne dicke Aknefarm auf der Visage hatte und die Austrahlung wie ein Kasten Knete ihr Eigen nennen durfte. Ich erinnerte mich an diese komisch anmutende Jeansjacke, die sie trug. Sie war eindeutig ne Funktionsjackenträgerin vom Planeten Tschibo. Sie war DER Larvenpaul in Berlin und macht mich dumm??
[2] Ich bin mit jemanden befreundet, der in Neuseeland sich nachts die Klamotten vom Körper gerissen hat um betrunken eine drei Meilen lange Einkaufspassage am Wasser zu passieren. Hardcore-Flanieren. Man stelle sich das vor. Da laufen Rentner lang auf einmal rennt da einer vorbei, seine Geschlechtsteile bommeln hin und her und und ‘klatschen’ zwischen den Fortbewegungsorganen hin und her. Er selbst ist zu betrunken irgendwas zu sagen, also zieht er nur ne Fratze und macht Oralverkehrgeräusche. Zwischendurch bleibt er mal stehen und macht ‘STARRING CONTEST’ mit Passanten. Das ist schon ganz schön Augenaua, muss ich ja mal sagen. Das er sich dann am selben Abend, nachdem die Gin-Flasche nun leer war durch eine Schaufensterscheibe schmiss zeugt zwar nicht sonderlich von Blutgruppe I(ntelligenz), aber von Konsequenz. Ein Abend war schließlich erst dann gut, wenn man am nächsten Morgen zwischen dem eigenen Erbrochenen und vielen Glasscherben im Schaufenster eines Gucci-Ladens wach wird. Ich weiß, dass er kein Monosynaptiker ist, aber an diesem Abend hat er dem Begriff ‘Blackout’ eine neue Bedeutung gegeben.
[3] Einer meiner Freunde lebt hier in Jena an der Autobahn. Bei dem neuen Tunnel. Sein Schlafzimmerfenster und sein Balkon im EG sind ungefähr 30 Meter Luftlinie von der Autobahn entfernt. Ein Ort an dem Träume einfach platzen. Und wenn er Langeweile hat, dann schreibt er kleine Drehbücher und filmt sich dann selbst, wie er mit sich einen Dialog führt. Immer ein Schnitt zwischendurch. Fassen wir es nochmal zusammen:
Er filmt sich selbst und dichtet ganz ganz miese Dialoge zusammen. Er wohnt in einem kommunistischen Roboter alias ein 20-geschössiger Plattenbau und lebt 30 Meter von der Autobahn entfernt. Das wirft doch irgendwie auch ein Licht auf mich, oder? Wenn im Sommer alle in den Urlaub fahren und vor seiner Nase dann berbarst der Stau ist, wie soll man dann sein Leben genießen? Wenn er Frauenbesuch hat und mit ihr ein Glas Wein auf seinem Balkon zu sich nimmt und in 30 Meter Entfernung der Stau tobt, ein kleines Kind wegen Hitzeschlag erstmal sichtbar und hörbar seine Asphaltpizza auf die Straße spendet oder wenn der HartzIV-Nachwuchs zwei Stockwerke höher im Zehn-Sekunden-Takt seine ‘Broschen’ runterrotzt? Dann wird einem klar, dass man ein gottverdammtes Zwei-Sterne-Leben führt. Selbiger Freund hat mir mal gebeichtet, dass er mit Freunden vor einigen Jahren im spätpubertierenden Leichtsinn einer Katze eine Dose an den Schwanz gebunden haben, weil sie gelesen haben, dass Katzen sich immer erschrecken, wenn knapp hinter ihnen Geräusche zu hören sind. Die Katze war wie ein Matchbox-Auto, dass man aufzieht und das beim Loslassen dann abzieht wie Schmitt’s Katze. So auch diese Katze. Ich stelle mir grade vor, wie die Katze sich immer wieder erschreckend weiterläuft, wie Hunde, die ihren eigenen Schwanz verfolgen. Mein Kumpel und seine Freunde schauen ihr lachend hinterher und verstummen dann allmählich, da die Katze wie vom Speed gefickt immer weiter läuft. Mein Kumpel und seine Freunde stehen nun ihr nachblickend nicht mehr lachend da und fragen sich, wieso die Katze es nicht checkt. Ein schlechtes Gewissen macht sich breit als die Katze immer noch jaulend ein kleiner Punkt am Horizont wird. Ich nehme stark an, dass eine Oma im Nachbardorf ziemlich blöd geguckt haben muss, als sie auf ihrem Weg zum Bäcker eine tote Katze mit einer Schnur und einer Blechdose am Schwanz auf der Straße liegen sah. Da müssen einem doch die abgefucktesten Gedanken kommen. Auch so eine Situation ist der klare Beweis eines Zwei-Sterne-Lebens.
[4] Oder seien es Menschen, die in der Bibliothek den Drang verspüren mal zu pupsen, dies aber nicht so gerne gesehen, gehört und gerochen wird (Pupsen scheint ein Allround-Anti-Sinnes-Ding zu sein). Sie könnten es sich verkneifen. Aber in der Kimme herrscht schon ein Druck von 1000bar. Also entschließt man sich vermutlich ein wenig in die Knie zu gehen, die Backen zusammenzukneifen und ein leises “Pfffffffffffffff” rauszupressen. Nun. Das Leben beweist sich in solchen Momenten allerdings als Hühnerstange: Kurz und beschissen. Es kommt trotz aller Anstrengungen und Vorkehrungen nicht zu einem “Pffffffffffff” sondern ein kurzes lautes Knattertönchen kämpft sich durch das Sitzfleisch an die Freiheit. Und alle haben es gehört, weil die erste Regel in jeder Bibliothek lautet: Shut the fuck up. Aber so ist das, wenn man zu doll zusammenkneift. Ein Bläschen findet immer den Weg. Man lässt ja auch nicht absichtlich einen Fußball von einem Berg rollen, in der Hoffnung er hört mitten drin auf zu rollen. Das wäre Idiotie und dies ist nunmal Aufgabe und Eigenschaft unserer Regierung.
Wenn man das erste Mal aus Versehen in einer Bibliothek bläht, dann kann man ohne Probleme sagen, dass man ein Zwei-Sterne-Leben führt. Wie schäbig.
[5] Ich muss mich gar nicht rausreden. Der Tag hat gerade erst begonnen. Vor zwei Tagen hab ich meinen Pimmel beinahe ins Nirvana geschickt. Ich sollte heute vorsichtig sein, ich hab schon Pferde vor einer Apotheke kotzen sehen, mit dem Rezept im Maul. Was mich zum nächsten und vorletzten Punkt bringt: die Magendisco und der Lebensmittelorgasmus. Letzten Sommer musste der Notarzt kommen, weil ich Blödspaten den ganzen Tag in der Sonne chillen musste ohne einen Schluck Wasser zu mir zu nehmen. Am Abend hab ich dann im Viertelstundentakt über mehrere Stunden in die Keramikschüssel gebrüllt bis mir der Notarzt eine Vemox- oder Vomexspritze setzte, Fast-Dehydrierung und akten Elektrolytenmangel bei mir diagnostizierte und mir den Rat gab viel zu trinken und was Salziges zu mir zu nehmen. “Vielen Dank Herr Dr. Columbo. War mir nicht klar, dass ich trinken muss.”
Das ist typisch für Notärzte, die Nachtschicht schieben. Das sind genervte Generation-Rentenloch-Yuppies, die ne Krauthacke als Assistenten mitschleppen und dämliche Ratschläge geben. Wie soll ich was trinken oder Salz zu mir nehmen, wenn ich im 15-Minutentakt reiern muss? Egal. Ich habe es überlebt. Immernoch besser als auf irgendeiner 99-Cent-Flatrate-Saufparty in so einem Techno-Fummelbunker besoffen auf die Sandaletten eines anderen zu kotzen. Das hat nämlich noch weniger Stil.
[6] Mein Unfall im Sommer 2004. Polnische Ostsee. Wer hat als einziger keinen Führerschein? I C H. Wer leiht sich nach großen Überredungskünsten ein Motorroller aus? I C H. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wie man so ein Ding bedient. Aber ich hatte den Dreh bereits nach wenigen Minuten raus. Der Verleiher hat sich mit meinem Reisepass und der Versicherung, ich hätte meinen Führerschein zu Hause in Deutschland gelassen, zufrieden gegeben. Nach zweistündiger Fahrt OHNE Helm wurden wir in irgendeinem polnischen Ort von der ortsansässigen Polizei gestoppt. Ich ohne Führerschein. Ich fühlte mich wie die Atzen aus der Serie ‘L O S T’. Ich wurde mal wieder vom Schicksal gebumst. Auf jeden Fall hatte ich Glück, denn meinen Führerschein wollten sie nicht sehen (und die anderen sagten, sie hätten ihm beim Verleiher hinterlegt). Sie wiesen uns darauf hin, dass wir Helme tragen müssten. Wir machten ihnen klar, dass es die beim Verleiher nicht gab. Sie zeigten auf unseren Sitz. Voilà. Tatsächlich war in jedem Sitz ein Helm. Wir also alle weiter. Diese Motorroller sind auf 60km/h gedrosselt. An einer komischen Verkehrsschneise musste mein Vordermann plötzlich ne Vollbremsung machen. Und wer fährt mit der Höchstgeschwindigkeit von 60km/h weiter? I C H. Habe ich schonmal erwähnt, dass ich Reaktionen wie ein Kantholz habe? Ich fuhr meinem Vordermann volles Kanonenrohr rein. Ich flog über meinen Lenker, überschlug mich einmal und landete auf dem Rücken um weiter 5-8 Meter den Asphalt zu befruchten. Hätte ich keinen Helm getragen, wäre ich vermutlich heute tot. Ich hab mich so scheiße gefühlt, wie sich letztens der russische Ex-Agent mit seiner Polonium-Vergiftung gefühlt haben muss. Ich sah übrigens auch genauso aus wie er, als ich da so auf der Straße lag, benommen in den Himmel starrte, während das Schicksal es mir ordentlich besorgte. Und wenn ich keinen Rucksack getragen hätte, dann sähe mein Rücken heute vermutlich echt schlimm aus. Das einzig gute an der Sache, dass mein völlig behindertes “I-Fucked-Your-Girlfriend”-Tshirt dabei kaputt ging.
Da lag ich nun mit meinem Zwei-Sterne-Leben. Ich war heilfroh, dass ich noch lebte, zwar ein bisschen traurig, weil die Reisverschlüsse an meinem Rucksack aufgrund der Reibung auf dem Asphalt geschmolzen sind, aber heilfroh. Ich stand auf und sah meinen demolierten Arm. Auch mein Hals tat verdächtig weh. Ich humpelte zu meinem Kumpel, der mittlerweile jammernd in einem Graben saß. Unsere Motorroller sahen aus wie Hack aus dem Fleischwolf. Aber auch er hatte es ohne große Verletzung überstanden. Unser Schutzengel muss dem Teufel wohl mal in den Arsch gekrochen seien, anders kann ich mir die Tatsache, dass wir nahezu unverletzt waren, nicht erklären.
Mir war klar, dass der Verleiher uns nicht auf ein Bier einladen würde. Er wollte 500 Euro für das Teil haben. Ich fragte ihn, ob er denn wisse, dass ich gar kein Führerschein besitze. Ich sagte außerdem, er habe ja keine Unfallversicherung und das ER die Schwierigkeiten hätte. Er verstand auf einmal kein Englisch mehr. Ich fragte ihn nochmal, was er denn getan hätte, wenn ich ums Leben gekommen wäre? “Es klatscht gleich. Aber keinen Beifall!”, muss der Typ gedacht haben. Er sagte nichts. Er kochte nur. Sein zuckendes Lid hat ihn verraten. Ich gab ihm 50 Euro und ging. Er winkte nicht zum Abschied.
Egal wie schäbig ein Zwei-Sterne-Leben ist, es macht Spaß. Und abgesehen von den vielen schäbigen Dingen ist es ganz lebenswert. Trotzdem brauche ich ein Fliegengitter für mein Schlafzimmer. Denn ich hasse Müll-Kot-Fliegen.
Gibt es was schöneres als um 7.43 Uhr die Augen zu öffnen und auf den am Vorabend anscheinend nicht gestellten Wecker zu blicken, wenn man doch 8 Uhr s.t. in der Uni sein muss?
Schön, wenn Adriani neben mir gelegen wär. Dafür hätte ich sogar die erste Vorlesung sausen lassen. Lag sie aber nicht.
Deswegen bin ich wie ein angestochenes Wildschwein mit Cappuccino-Einlauf im Hintern aufgesprungen, hab dem Wecker erstmal ne ordentliche Bombe gegeben und bin ins Bad gerast. Ich korrigiere: ich wollte ins Bad.
Realistischer war ein gekrümmter Basti, der vor seiner Tür zusammengebrochen auf dem Boden die ersten Geräusche des Tages krächzte. Mit entgleistem, zerknirschtem und zerknitterten Gesicht.
Die Grönlandsynphonie pochte hinter meiner Stirn. Da ist man knapp 10 Sekunden wach und wird sofort ordentlich von der Innenarchitektur der Wohnung durchgerödelt.
Ich lag da. Der Grund für meine Fötusstellung war die Tür meines Schlafzimmers, die ich zu eilig aufgerissen hatte und die Bekanntschaft mit der maskulinen Morgenerscheinung im unteren Körperquadranten machte. Wenn man einen Basketball auf die Finger bekommt dann bricht man sich diese in der Regel. In diesem Fall gab es aber keine Knochen. Nur Schwellkörper. Und meine haben sich gerade ins Land der Helden und Feen verabschiedet. Könnte mein Fortpflanzungsorgan vor Schmerz schreien würde es dem Lärmpegel eines startenden Jets Konkurrenz machen. Nur Blutkotzen muss angenehmer sein als dieses Gefühl. Ich humpelte ins Bad und spielte kurz mit dem Gedanken die RAF neu zu gründen.
Ich erinnerte mich an den letzten Sommer. Da bin ich eines Tages auch in Hektik aufgestanden und habe mir zu eifrig die Haare gewaschen. Dabei habe ich mir einen Halswirbel ausgerenkt. Denn ich wasche meine Haare nicht mit den Händen, ich wasche meine Hände mit dem Kopf. Zumindest sehen die Bewegungen so aus. Mein Kopf wackelt wie bei einem Sepultura-Konzert und die Hände bleiben starr am Kopf liegen. Zwei Tage habe ich sone Halskrause getragen. Damals habe ich mir geschworen niemals wieder Hektik zu machen. Hätte ich nur auf mich gehört.
Nun ist die erste Vorlesung vorbei (ohne meine Anwesenheit) und ich überlege in irgendeine Kirche zu gehen um für meinen Penis zu beten, denn er redet immer noch nicht mit mir.
Er war schon auf dem Weg dahin so unglaublich merkwürdig. Könnte es daran liegen, dass er ein riesiger Fan von Johnny Cash war und ich ihm im Zusammenhang damit von meinem Vorabend erzählte?
Vorabend: Nachdem ich zusammen mit Thomas die morbiden Kurzfilme von ‘Tenacious D’ angesehen habe, folgte ein berbarst geiler Film, den ich schon an die 368541-mal gesehen habe. ‘La Haine’ von Kassovitz. Spitzenfilm. Auch der 3m-große Kumpel von Thomas, der vorzeitig reingehaun ist, war mir mehr als sympathisch. Nun. Es war dann gegen halb zwei in der Nacht. Mein Mitbewohner und bester Kumpel hatte die göttliche Idee noch ein Bier trinken zu gehen. Und da um diese Uhrzeit in Jena an einem Freitagabend selten noch was bartechnisch klargeht, entschieden wir uns für das Flower-Power. Die Absteige der Gelegenheitsmenschen, Intelligenz-Allergiker und Diplomidioten. Kurz bevor wir gehen, belästigt so ein Ami meinen Mitbewohner. Gegen halb sechs Uhr morgens und demnach drei Stunden später musste ich feststellen, dass der Ami ziemlich in Ordnung war. Ein eigenartig sinnschwangeres Gespräch mit einem betrunkenen Amerikaner zu führen, dessen Deutsch nicht viel besser war, als dass von Universalverlierer und Ex-Talkshow-Moderator ‚Ricky’, war schon ein kleines Highlight an dem Abend. Dabei kam heraus, dass der Typ 26 war, in Amerika Philosophie und deutsche Geschichte studiert hat und nun in Deutschland seine Dissertation schreibt. Außerdem, dass erwähnte er ganz nebenbei, hatte er bevor er nach Deutschland ging einen Lehrauftrag an irgendeiner Universität in Tennessee. Und zu seinen Studenten gehörte der Enkel (oder Ur-Enkel) von Johnny Cash, der nach den Aussagen des Amis ein guter Student war und ein Homosexueller, der es gern jedem auf die Nase bindet. Nett. Meine Vermutung, dass man jedem auf der Welt schon mal durch 5 Handschläge die Hand gegeben hat rückt immer mehr ins Licht der Wahrheit. Wir haben E-Mail-Adressen ausgetauscht, weil er das Gefühl hatte mich schon seit Jahren zu kennen. Mir gings auch so. Aber wir hatten beide an die 4-6 große Bier drin. Da kommt einem das öfter mal so vor.
24 Stunden später:
Ausgerüstet mit einem Golfschläger, an die hundert Bällen stand ich auf einmal in Lobeda. Lobeda-West um genau zu sein. Man munkelt, dass hier regelmäßig die Träume platzen. An vielen Ecken riecht es so, als hätten alle frisch ihr großes LatRinum bestanden. Nun ja. Da war ja der Tunnel, der die Anwohner in 20 Meter Luftlinie vor dem Lärm der Autobahn schützen soll. Lärm wurde gegen den idyllischen Anblick von einer Großbaustelle und einem dicken Betonschlauch ausgetauscht. Einen großen Applaus an die Stadt-und Regionalplaner, die ihren Studienabschluss wohl in einer usbekischen Garage ausgedruckt haben müssen. Ein Freund von mir wohnt direkt in einem dieser Blöcke. Seine Wohnung ist geil. Und er meinte, dass der Lärm schon zurückgegangen ist. Seine Augen waren glasig, als er das sagte.
Hinter diesem Tunnel ist ein großer aufgeschütteter Sandberg. Der wurde an diesem Abend als Driving Range missbraucht. Abschlag natürlich von der Autobahn weg. Eine Wodkaflasche später machen mein Mitspieler und ich Witze. Mitten drin erzählt er mir, dass er mit meiner Exfreundin geschlafen hätte.
Ich sah ihn an. Mein Blick hatte Ähnlichkeit mit dem eines Menschen, der im Lotto gewonnen hat, seinen Schein grad einlösen will und der auf dem Weg zum Kiosk überfallen wird. Meine Wut war so groß, sie hätte auf die Titelseite der nächsten TLZ-Ausgabe gehört.
„Halt’s Maul?“, fragte ich ihn. Er erwiderte nur, dass ich da sogar noch mit ihr zusammen war.
In meinem Kopf sprengte ich noch einmal die Buddha-Statuen, die 2001 von der Taliban in Afghanistan gesprengt wurden. Ich lenkte die Flugzeuge ein weiteres Mal in das World-Trade-Center. Ich warf die Bombe erneut über Nagasaki und Hiroshima ab.
„Halt die Fresse, wenn du mit mir redest!“, sagte ich mit ganz tiefer kochender Stimme. BUUMMM. Mein Abschlag war weiter als der von Tiger Woods.
Er schwieg.
Ich hatte das Gefühl beide Klitschko-Brüder auf einmal zu sein. Ich wollte ihn einfach nur auf Standby schalten. Ihm ordentlich Backenvesper geben.
„Verarschst du mich?“, fragte ich ihn. Er schwieg weiter.
Ich feuerte meinen Golfschläger weg und ging.
„Du Assi, du schwimmst sogar in Milch!“, kläffte ich in Richtung der Autobahn.
Wenn es etwas gibt, dass Freunde nicht machen, dann das. Die Freundin des Freundes zu ficken ist gleich auf Platz 2 auf der Liste der Dinge, die verdammt uncool sind. Gleich hinter dem Holocaust.
Am nächsten Morgen wache ich auf. Zwei Anrufe in Abwesenheit von Ex-Kumpel ‚Rekordarschloch’ und eine SMS von einem anderen Kumpel, in der folgendes steht:
„[…], doch was sie nicht wissen (können) ist dies: nachts ist jeder allein mit seinen Dämonen!“. Ich bin irritiert und drehe mich wieder um.
Ich frage mich wo mein Golfschläger geblieben ist und ob ich wirklich einen besessen habe.