Archiv für März, 2007
Guter Tag.
Mündliche Prüfung für Kunstgeschichte: mit 1,0 bestanden.
Schriftliche A-Klausur für Latein: mit 2,0 bestanden.
A damn good day.
Die Entscheidung zu einer Entscheidung.
Eine lange Nacht, die in meinem Kopf nicht anfangen wollte. Hab noch lange an Adriani denken müssen. Was wohl erheblichen Anteil an meiner Schlaflosigkeit hatte.
Aber vor allem hab ich an zwei Dinge gedacht, über die ich gestolpert bin:
Entscheidung oder Feigheit!?
Wann bin ich eigentlich feige? Und mir ist aufgefallen, dass ich eigentlich immer feige bin, wenn es um meine persönlichen Dinge geht. Das mag wohl damit zusammenhängen, dass ich extrem schüchtern bin. Mir fällt das eigentlich immer dann auf, wenn ich keinen Ton rausbekomme, wenn wer Fremdes in ein Gespräch einsteigt. Die Mehrheit nimmt dann an, ich hätte nix zu sagen. Die mich kennen wissen jedoch, dass ich äußerlich was ganz anderes bin, als innerlich – mal abgesehen, dass ich auch schon schüchtern wirke.
Wenn in meinem Kopf der Fantasiemotor stottert und meine eigene Welt entstaubt und benutzt wird, dann bin ich für mich. Nur für mich. Ganz allein. Niemand hat dann Zugriff auf mich und meine Gedanken. Ich bin mir auch ziemlich unsicher, was ich sagen könnte. Mein Kopf arbeitet dann mit einer ganzen Sprache, als ich sie auszudrücken vermag.
Es ist längst nicht negativ gemeint, wenn ich sage, dass ich mich in solchen Momenten ganz einsam fühle. Irgendwie fühl ich mich dann trotzdem gut. Seltsamer Zustand.
Zurück zu meiner(?) Feigheit. Ich glaube man hat ganz selten in seinem Leben die Möglichkeit wirklich mutig zu sein. Ich rede nicht von solchem Kram, dass man immer allen sagen soll was man denkt. Ich meine ganz persönliche Dinge.
Entscheidungen sind mit Mut oder mit Feigheit verbunden. Ich hatte bisher einmal in meinem Leben die Möglichkeit wirklich eine Entscheidung zu treffen, die mich viel Mut gekostet hat, viel Kraft, viel Chaos, viele Tränen.
Ich habe einen riesigen Fehler gemacht: einem Menschen, den ich liebe, sehr weh getan. Dies wusste dieser Mensch zu dem Zeitpunkt natürlich nicht.
Und ich? Ich stand nun vor einer Entscheidung!

Bin ich feige? Oder bringe ich den Mut auf zu beichten? Und ich wusste, ich kann es nicht. Ich dachte, wenn ich es niemals sagen würde, dann würde es auch nicht rauskommen. Die meisten würden mich prinzipiell als ‚feige’ bezeichnen, wenn ich einem geliebten Menschen was furchtbares verheimlichen würde, was ihn nicht nur verletzt sondern ihn auch dazu bewegt niemals mehr was mit mir zu tun zu haben. Menschen, die einfach urteilen, standen meistens noch nicht in so einer Situation, vor so einer Entscheidung.
So raten Psychologen beispielsweise davon ab einen Seitensprung zu beichten, im Falle er ist spontan und einmalig passiert. Im Falle er ist geplant (Affäre, usw.) legen sie einem nahe zu beichten. So ein Schwachsinn. Wenn man Respekt vor dem anderen hat, dann entscheidet man sich immer zu beichten. Es gibt sicher einige, die es eher nicht erfahren möchten und somit dem anderen eine Entscheidung abnehmen.
Eine Entscheidung in der man alles riskiert. Alles auf eine Karte setzt. In der man sein Gewissen einschläfert. Man ganz allein und ‚selbst’ ist. Eine Extremsituation, die man einfach nicht kennt. Was tut man? Ist man ehrlich und beichtet? Oder ist man feige? Beides ist nachvollziehbar. Eins davon ist aufrichtig, gleichzeitig an die Gefahr des Verlustes gekettet. Will man das? Nein? Nein! Dann ist man feige, behält was man hat und kann sich guten Gewissens egoistisch nennen. Will man das? Nein? Nein!
Was sagt uns das? Es sagt uns, dass man immer verliert! Immer. Wenn man zu feige ist Entscheidungen zu treffen begibt man sich auf einen Pfad, der ins Nirgendwo führt. Aus Angst vor dem Verlust eines Menschen den man liebt.
Nun………………………………
…………………………………. ich habe mich damals entschieden. Und ich war nicht feige, auch wenn es im Nachhinein noch lange angedauert hat meine Unehrlichkeit in einer Sache vollends abzulegen. Ich hoffe, dass ich niemals wieder so was erleben und anrichten werde. Ich als potentiell feiger Mensch habe Mut aufgebracht. Das war eine Sache, die vor allem mich betraf und dem Menschen, dem ich es sagen musste. Mir war klar, dass ich alles verlieren kann. Mir war auch klar, dass ich gar nichts verliere, wenn ich es nicht sage. Außer der Klarheit, dass ich ein aufrichtiger Mensch bin. Ich hätte ebenso verloren, wenn ich jeden Morgen in den Spiegel geschaut hätte bzw. den betreffenden Menschen angeschaut hätte.
Ich hatte die Wahl.
So stand ich da, aufgelöst und verwirrt. Nicht nur äußerlich, vor allem in mir war pure Anarchie, pures Chaos. Meine Gedanken stolperten übereinander. Wie in einer Schlägerei ging es in meinem Kopf zu. Laut, panisch und viel zu schnell. Gleich muss ich es beichten. Oder nicht? Zitternde Hände. Das Telefon in meiner Hand, die Nummer schon gewählt. Aber noch nicht auf den ‚Anrufknopf’ gedrückt. Ich ging auf und ab. Mein Kopf hat alles abgewogen:

„Was wird mit dir passieren…. ich werde alles verlieren… tu es….. tu es schon……. sag es ihr……. NEIN… sags nich…. sie wird weg sein……. AAAAAAAAAHHHH. Warum hast du das gemacht…. willst du dich später im Spiegel anschauen können…. sie hat die Wahrheit verdient….. sie liebt dich doch….. und ich liebe sie…. deswegen sag ich es ihr jetz… ich muss nur noch auf den Knopf drücken…. tus schon…. NEIN…. FEIGLING…. du verdammter Wichser…. du ARSCHLOCH…….. das ist das erste Mal in deinem Leben das du was in den Sand setzt…. und du willst dich selbst decken…. wie soll das gehen…. RUF SIE ENDLICH AN UND SAG ES……… aber ich kann nicht…… ich heule….. wie wird sie sich fühlen… OH MEIN GOTT ….. WAS HAB ICH GETAN……. träume ich……… TU ES…… nun mach schon….. es ist eine Entscheidung gegen euch, gegen sie… gegen euch… gegen euch, gegen dich selbst, wenn du nicht den Knopf drückst………. mir ist schlecht…… REISS DICH ZUSAMMEN…. WÄHL E N D L I C H…. was bist du nur für ein Bastard….. kannst nicht mal für deine Fehler gerade stehn….. ich will ja…. aber ich hab Angst, sie zu verlieren…. wieso hast du das nicht vorher gewusst…….. AAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHH….. JETZ….. du hast einen Fehler gebaut, dass ist deine Strafe…. sei ein Mann und stehe zu dem was du getan hast…….. LOS…… MACH ES…… wirklich?….. JA…. LOS LOS LOS…. DRÜCK ENDLICH DEN SCHEISS KNOPF…………………… 3……..2……..1……..!???“
Das war es. Ich habe gewählt.
Unwissend was kommen wird, was mit mir geschieht, was ich überhaupt sagen werde und kann. Nichts als Tränen und Schluchzen. Das war einer der schlimmsten Momente in meinem Leben. Und wenn ich ehrlich bin: ich bin froh, dass ich es getan habe. Das ich eine Entscheidung getroffen habe. Denn ich habe sie nicht verloren. Sie hat mir nach langer schwerer Zeit verzeihen können, dem Fundament des Vertrauens wieder Steine bringen können. Und jetzt bin ich glücklich und denk nicht mehr daran. Und sie auch.
Selbst wenn ich alles verloren hätte…… es war die richtige Entscheidung. Und Mut ist eben doch was positives.
Immer will man das Richtige tun. Selten gelingt es einem.
Aber es fängt bei einem selbst an. Niemand sagt, dass es angenehm ist. Es ist sogar scheußlich. Aber im Nachhinein hat es alles ausgemacht. Alles. Absolut alles.
Ob man gewinnt oder verliert spielt dann irgendwann keine Rolle mehr. Denn egal ob man sich vor Konsequenzen fürchtet, sie sind unumgänglich, wenn man nicht als emotionaler Zombie enden möchte. Ich habe gelernt, dass man die Waffenkammer nur los wird, wenn man eine Entscheidung trifft.
Auch wenn diese Entscheidung eine gegen sein eigenes Wohl ist……….. sie bringt es voll!
Der Angriff als Flucht vor dem Kontrollverlust.
„Jetzt spiel dich mal nicht so auf.“, hat mich mein bester Freund letztens angebrüllt. Angetrunken. Unglücklicherweise war ich nicht angetrunken. Wo vorher noch ‚Lallen’ war, war nun eine deutlich aggressive Stimme zu hören. Mit dem Ausdruck eines Nüchternen und der Unberechenbarkeit eines Betrunkenen stand er vor mir, bereit seine komplette Waffenkammer zu benutzen.
Ich glaube, es war nur ein falsches Wort davon entfernt, und es hätte auch physisch gekracht. Ich hatte keine Angst vor ihm, da ich weiß, dass er zwar vielleicht zugeschlagen hätte, er aber durchaus in der Lage ist zu sehen, dass ich sein bester Freund bin. Und letztendlich hat er es auch nicht getan.
Ich weiß nicht was eigentlich schlimmer in dem Moment war. Seine Unfähigkeit mein Problem mit ihm nachzuvollziehen oder meine Unfähigkeit ein Problem mit den richtigen Worten anzusprechen. Auf jeden Fall ist das ein beschissener Cocktail. Wovor ich allerdings Angst hatte, war seine Wut. Sie kam mir so unberechenbar vor. Ich glaube da schlummert etwas in ihm, dass ich lieber nicht kennen lernen möchte. Ich hatte Angst vor der Art und Weise, wie er sich rechtfertigte. Denn dabei hat er meine Meinung und Kritik an ihm mit der Wucht eines Güterzuges, mit brachialer verbaler Zerstörungswut plätten wollen.
Traurigerweise wusste ich, dass seine Reaktion extrem ausfallen würde. Er war ja immerhin angetrunken.
Ich hatte auch Angst vor seinen Gesten und seiner Mimik, die mir totale Verachtung suggerierten. Nicht vor mir als Mensch, sondern vor mir als denjenigen, welcher sein Handeln in Frage stellt und die Art und Weise dafür nicht grade intelligent gewählt hat.
Aber was soll ich bitte machen wenn mich was ankotzt? Klar hätte ich einen besseren Zeitpunkt auswählen können, aber ich war in dem Moment nicht in der Lage dazu.
Ich frage mich manchmal, wieso Menschen so einen Abwehrmechanismus haben. Ich glaube, er fühlte sich angegriffen und verletzt, anders kann ich mir diese Reaktion nicht erklären. Vielleicht sollte ich es auch sein lassen, mit jemand Prinzipien zu diskutieren, wenn beide nicht nüchtern/angetrunken sind. Was mein bester Freund nicht weiß ist, dass ich, obwohl wir uns wieder vertragen und ausgesprochen haben, ziemlich verletzt bin. Das wird unserer Freundschaft auf keinen Fall belasten, denn ich glaube bei ihm an das Prinzip namens ‚Ich hab es nicht so gemeint’. Allerdings hat mir der Augenblick klar gemacht, dass es niemals einfach sein wird ihn zu kritisieren. Er glaubt er könne mit konstruktiver Kritik umgehen. Ich glaube das nicht. Aber ich weiß, dass dies seine Gründe hat. Im Gegensatz dazu ist mir mehr als bewusst, dass auch ich Ecken und Kanten habe, die so manch einer eventuell nicht nachvollziehen kann.

Tja. Worum ging es eigentlich in diesem Streit? Er hatte getrunken. Ich nicht. Ich sagte ihm, dass er auch mal aufhören könne mit dem Trinken, da ich der Meinung bin, dass er nie ein Ende findet. In seinen Ohren klang das wie: ‚Du bist Alkoholiker, du hast ein Problem, dass du nicht kontrollieren kannst’. Das meinte ich aber nicht. Ich weiß, dass er kein Alkoholiker ist. Er trinkt ja nicht regelmäßig. Und er verträgt wesentlich mehr als ich. Aber ich höre auf, wenn ich betrunken bin. Er nicht. Es endet meistens in einem totalen Exzess, wenn er denn trinkt. An diesem Abend hatte ich das Gefühl, dass es wieder so laufen würde. Alle waren nüchtern bzw. hatten ein Bier vor sich stehen, wir schauten Film. Mein bester Freund stieß später betrunken zur Runde dazu, weil er zuvor bei einem Fußballspiel war. Und er hat weiter getrunken, die meiste Zeit des Filmes nur gequatscht, was ich hasse wie die Pest wenn ich Film schaue. Er war halt super gelaunt, auch nicht aggressiv. Das ist er nie. Aber er kann eben halt nur so richtig abschalten, sagt er. Und dann hab ich ihn halt darauf angesprochen, woraufhin wir vor Tür gingen und es (beinahe) eskalierte.
Danach wurden mir zwei Dinge klar. Ich verstehe, dass er, der immer diszipliniert sein Leben unter Kontrolle hat, immer Erfolg im Studium hat (und darauf kann er verdammt stolz sein), den Kontrollverlust braucht und sucht. Der Mensch braucht den Kontrollverlust um Dinge bewältigen zu können. Ist es legitim, dass man dann versucht Menschen dies streitig zu machen? Er weiß, dass es nicht gut ist Kontrolle auf diese Weise zu verlieren. Der Grund warum er so ausgerastet ist, ist vermutlich der – und das trifft wohl auf die Mehrheit der Menschen zu – das er dabei ertappt wurde, seine Kontrolle zu verlieren. Mehr noch, allein die Unterstellung, er hätte etwas in seinem Leben nicht im Griff hat ihn sprichwörtlich zu einem Ausbruch geführt, den ich erlebt habe. Er ist jemand, der sein Leben unter Kontrolle halten muss. Er ist jemand, der Kontrolle auch als solche ansieht, wenn es um zwischenmenschliche Angelegenheiten geht. Und wenn er dafür sein Kriegsgesicht aufsetzen muss, dann wird er es ohne Skrupel tun, ganz egal, wen er dabei platt macht.
Warum dieser Kontrollwahn? Warum dieses Bedürfnis bloß nicht mit einem Problem behangen zu sein, dass andere kritisieren könnten? Das wäre wahrscheinlich eine Veränderung im Leben, an der man nichts mehr ändern könnte. Und wir Menschen brauchen Kontrolle. Leider.

Er fand einen Kompromiss. Er sagte, er würde es nicht sein lassen, dafür wird er es in meiner Gegenwart nicht mehr tun. Damit fühle ich mich schon irgendwie angegriffen. Auf der einen Seite, ist es ihm entweder egal, was andere denken (obwohl der Ausbruch klar dagegen spricht), auf der anderen Seite will er mir damit irgendwas zeigen. Will er mir damit zeigen, dass er sicher ist, kein Problem zu haben. Braucht er den Status, sich durchzusetzen, obwohl er sich gar nicht durchsetzen muss? Mir Recht geben um mir das Gefühl zu geben er würde darüber stehen? Oder braucht er einfach diese Entspannung? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich fühle mich schlecht deswegen. Ich wollte ihn gar nicht angreifen, ich wollte ihm nur sagen, dass mich was stört. Das ging nach hinten los, was definitiv an uns Beiden lag.
Nachdem wir uns wieder vertragen hatten, hätte ich ihn am liebsten dafür kritisiert, dass er nicht in der Lage ist, Kritik an seiner Persönlichkeit zu vertragen und anzunehmen. Aber auf noch so einen Streit hatte ich keine Lust. und wenn ich ehrlich bin, dann ist es auch nicht in Ordnung von mir Menschen kritisieren zu wollen, nur weil mir was nicht passt und eigentlich nicht wirklich mein eigenes Problem ist. Dafür sind wir ja alle irgendwie gestört. Auch ich. Vor allem ich.
Aber eins ist klar. Angst hat in einer Freundschaft an sich nichts zu suchen. Zumindest, wenn dein Gegenüber den Kontrollverlust aktiv ausübt, ihn dennoch bestreitet und verteufelt.
Aber darüber habe ich eh keine Kontrolle, oder?
Willkommen im Wunderland.
Hatte gerade eine sehr interessante Unterhaltung mit Herrn „Leck-mich-am-Arsch-ich-glaub-ich-spinne“. Hat es heute allen ernstes geschneit? Mittlerweile glaub ich ja echt, dass die Menschen eigentlich vom Mars kommen und zur Erde umsiedeln mussten, weil sie den Mars kaputt gemacht haben. Ich meine, wieso sieht es sonst so beschissen auf dem Mars aus? Auf jeden Fall lacht uns der Mars jetzt aus. Ich glaube es hackt. Schnee am Ende des dritten Jahresmonats. Wenn ‚2Unlimited’ jetzt noch n Comeback feiern, dann hängt morgen die 23-jährige Leiche eines Mannes auf irgendeinen Dachboden in Jena.
Und ich habe heute an meinen vorletzten Aufenthalt zuhause in Berlin denken müssen. An einem Abend hat man mich überredet in ein sehr fragwürdiges Etablissement mitzugehen. Tanzen. Und da ich das nur kann, wenn ich kaum noch fähig bin zu sprechen, hab ich mir vorher mit einigen meiner Freunde ganz erheblich die Lichter ausgeknipst. Dieses fragwürdige Etablissement ist ein Club, der sich im Besitz eines bekannten Berliner Radiosenders befindet.
Und hier beginnt die abartige Geschichte vom Wunderland.
Wir standen in der Schlange an, vor uns ein netter Typ mit seiner Freundin. Ein dunkelhäutiger Typ, vielleicht aus dem arabischen Raum, der gut gelaunt war, nicht betrunken und außerdem alles andere als aggressiv. Und dann waren da noch die Herren mit den Knöpfen in den Ohren, mit ausgebeulten schwarzen Jacken, bewaffnet mit der Eloquenz eines betrunkenen Vierjährigen und einer schwachleuchtenden Sieben-Watt-Glühbirne im Kopf (welche für kümmerliche Beleuchtung sorgt) und einer prolligen Gangart zwischen der man ein Schwein durchjagen könnte. Die Türsteher in Jena sind größtenteils nett, wenn man sich an die Spielregeln hält. Die Berliner Türsteher sind es nicht. Die haben Willkür auf ihre Fahnen geschrieben.
Als der nette junge Mann vor uns an der Reihe war, ließ man zwar seine Freundin rein, ihn jedoch nicht. Auf die Frage seinerseits, weshalb er denn nicht rein dürfe, antwortete ein ‚Right Said Fred’-Verschnitt im schwarzen Renegade-Mantel: „Haste dich ma anjekiekt?“.
Netter Typ: „Was solln’ das? Meine Freundin is da schon drinne. Wo is n dit Problem?“
Mr. Propper: „Sone Typen wie du komm hier nich rein und jetz verpiss dich!“
Netter Typ: „Sag ma spinnst du? Ick hab doch ja nix…!“
Mr. Propper: „Ick sagte ‚Verpiss dich’ du Opfer…“
Und der nette Typ ging entrüstet davon, telefonierend. Er tat mir leid. Als der Türsteher dann auch noch „Scheiß Araberpack“ äußerst verständlich murmelte, verspürte ich zutiefst Abneigung ihm gegenüber. Klar müssen Türsteher nicht jeden reinlassen. Aber der Typ wurde wegen seiner ethnischen Herkunft verjagt. Und das nicht berechtigt. Ich werde diesen Club natürlich nie wieder besuchen (schon allein weil die Musik da nicht wirklich ein Erlebnis darstellt).
Aber dieser Rassismus hat mich so angekotzt. Ich kenne solche Türsteher gut. Als ich in Berlin für ne Riesenfeier mal einen Club an der Jannowitzbrücke gemietet habe, gab es eine lange Gästeliste unsererseits. Die Türsteher, die der Club uns da ankarrte haben die Hälfte UNSERER Gäste nicht reingelassen. Diese geistigen Amöben wussten, dass sich alle auf dieser Party kennen, weil wir ja den Club privat gemietet hatten. Die haben sich aufgespielt. Als ich ihnen dann nahe legte, dies zu unterlassen, drohten sie mir mich rauszuschmeißen. Von meiner eigenen Party? Die Einzigen, die überhaupt aggressive Stimmung machten waren sie selbst. Es gibt natürlich auch Türsteher, die verantwortungsbewusst arbeiten. Aber ich schätze mal die meisten sind arrogante, pseudomachtgierige Würstchen, in denen Rassismus zu Hause ist.
Rassismus. Tzzz. Es gibt so viele Ungeheuer in diesem Land. Und die sind zahlenmäßig so wenig, dass sie nicht wirklich gefährlich werden könnten. Aber was mich so wütend macht ist nicht nur das Verhalten von manchen Türstehern (dieses hat ja auch eine Ursache), es ist die Normalität. Deswegen sind es nicht die Ungeheuer die gefährlich sind. Es sind die normalen Menschen. Und ich kann dieses Verhalten ehrlich gesagt nicht mal als ‚dekadent’ bezeichnen, da die Kultur hier anscheinend schon vor vielen Jahren mit der Wucht einer Dampframme zerschmettert wurde. Woher kommt nur diese generelle Ablehnung? Ich denke, solche unmenschlichen Schablonen katapultieren uns ins Abseits. Und ich habe diese Debatte langsam satt. Die eine Seite, die fälschlicherweise Ungerechtigkeit kundtut, indem sie behauptet, ‚Ausländer’ bekommen hier erstmal kostenlos die Zähne neu gemacht, langweilt mich und kotzt mich an. Sie sind der Gehirnschlag von stinknormalem friedlichem Umgang.
Und auf der anderen Seite sind da noch die penetranten Menschen, die ständig gegen Ausländerfeindlichkeit hetzen. Sie begreifen nicht, dass sie selbst die Grenzen bauen mit dem Wort ‚Ausländer’. Es sind in erster Linie Menschen. Manch ausländerfeindliche Mensch bezeichnet sie makabererweise auch als Mensch, wenn er ‚Kanake’ ruft. Es geht hier nicht um Schutz und Toleranz. Es geht lediglich um Einsicht.
Das ist ein Planet und niemand hat eigentlich das Recht ihn wie sein Eigentum zu behandeln. Auch nicht auf einer Mikroebene. Man packt Menschen nicht einfach in Gruppen und findet diese dann einfach nur nicht gut. Sowas ist total sinnfrei. Und man beschimpft Menschen nicht mit ihrer Herkunft und ihrem Aussehen. Menschen, die sowas tun, haben einfach Schiss vor geistigem Schwanzvergleich. Es sind Menschen, die Respekt für sich selbst als wichtig zu fühlende Komponente einstufen, dennoch unfähig sind zu erkennen, dass alle Menschen Respekt verdienen. Und Frieden. Und Zufriedenheit. Aber manche sind nunmal so egozentrisch, dass sie lieber kaputt machen, was sie nie wirklich besessen haben.
Rassismus ist mutiert. Er heißt jetzt ‚Menschenfeindlichkeit’. Und sowohl die eine, als auch die andere Seite sind das Spiegelbild vom Menschenfeind. Das ist das Problem. Natürlich ordnen wir alles unter dem Deckmantel der jeweiligen Herkunft. Aber egal. Nicht nur das Klima scheint morsch im Kopf zu werden. Wir entwickeln uns parallel dazu ins Nichts.
Solange das Projekt Schwachsinn noch läuft, werden auch in Zukunft immer mehr Menschen diskriminiert werden, die dieselben Interessen verfolgen wie wir: zufrieden zu sein. Aber in diesem Wunderland, auf diesem Planeten ist Utopie wohl Utopie.
Ich gehe jetzt mal los und hoffe, dass ‚2Unlimited’ auch in Zukunft kein Comeback feiern werden.
Auf der ewigen Suche.
Leben unter falschen Namen? Leben ohne Identität? Menschen, die immer auf der Suche sind – egal wonach?
Ich kenne mindestens einen von dieser Spezies. Sein Name ist ‚X’. Ich kenne ihn seit knapp mehr als fünf Monaten. Mittlerweile sind wir ziemlich gute Freunde geworden. Er ist einer der Wenigen, mit denen ich mich zu 100% verstehe, er ist jemand, dessen Humor ich unheimlich mag und er ist jemand mit dem ich irgendwie Insider-Wissen habe. Das ist sehr wichtig für mich.
‚X’ hat alle persönlichen Vorraussetzungen ein glücklicher Mensch zu sein. Aber er ist es nicht. Er weiß das. Und ich glaube, er weiß, dass ich es weiß. Und kein anderer weiß es. Zumindest vermute ich das. Mir ist das aufgefallen, dass immer wenn sich ein Dialog zwischen uns auf persönlicher Ebene zu bewegen versucht, er gnadenlos zu macht. Er lenkt eigenartig vom Thema ab. Und ich glaube, ihm fällt das gar nicht so auf.
Ich habe so das Gefühl, dass er seine emotionalen Koffer gar nicht auspacken möchte. Er hat natürlich keine Probleme mit sich. Er hat wohl einfach nur kein Zuhause. Nie gehabt womöglich. Aber das kann und sollte ich nicht beurteilen.
Mittlerweile ist meine Freundschaft zu ihm gefestigt. Aber ich glaube, dass ich ihn am wenigsten von meinen Freunden kenne. Und ich versuche in der Regel alle meine Freunde gründlich kennen zu lernen. ‚X’ hat mir schon so einiges aus seiner Vergangenheit erzählt. Meistens hatte ich das Gefühl, als würde ich einen Artikel lesen, während er sprach. Er distanzierte sich von vielem. Sein äußeres sagte mir was anderes, als sich innerlich bei ihm vermutlich abgespielt hat. Oder doch andersrum? Er hielt sich so auf Distanz, womit er mich ebenfalls auf Distanz hielt.
Vor ungefähr fünf Wochen waren wir auf einer Party. Wir waren so angetrunken, dass wir in ein enorm persönliches Gespräch gerutscht sind. Das war das Moment, indem ich merkte, dass er 100% echt war. Es war auch die letzte Situation, in der ich ihn so erlebte. Wenn ich es so recht betrachte ist Leben ja eh nichts weiter als eine Aneinanderreihung von Augenblicken.
Es war ein Augenblick, in dem der ganze Lack von seiner Fassade gebröckelt ist. Ich mag seine Fassade, auch wenn mir bewusst ist, dass diese nicht ganz echt ist. Was unter der Fassade steckte, war mir jedoch auch mehr als sympathisch. Seitdem ist ‚X’ wieder wie vor diesem Augenblick.
Was sagt man zu jemanden der sein Leben lang im Koma liegt, dann für zehn Minuten aufwacht um anschließend wieder ins Koma zu fallen? Was sagt man da? Jemand, dessen Fassade wieder neu lackiert wird? Jemand, für den eine Neulackierung völlig in Ordnung ist, der regelrecht darum bittet?

Als ich ‚X’ fragte, wonach er eigentlich suche bzw. worauf er warten würde, antwortete er mir nur, dass er es auch nicht wisse. Nach dieser Antwort war klar, dass der Lack wieder drauf war. Gibt es Menschen, die sich selbst am wenigsten kennen? Gibt es Menschen, die unter vielen anderen „Bekannten“ doch sehr einsam sind? Irgendwie schon. ‚X’ ist jemand, der weiterziehen würde, wenn es was besseres geben würde, geographisch wie zwischenmenschlich. Zumindest würde er mit dem Gedanken daran spielen. Und ich wäre nicht mal böse auf ihn. Ich glaube, Menschen wie ‚X’ darf man nicht aufhalten. Und es ist ein Trugschluss, dass Menschen wie er Egoisten sind. Denn ihr ‚Gehen’ hinterlässt viele Scherbenhaufen. Sie kümmern sich dann nicht drum, aber das tun sie nur deswegen nicht, weil sie ihren eigenen Scherbenhaufen noch nicht weggekehrt haben. Man kann solchen Menschen so gut wie keine Sicherheit geben. Sie mögen zwar temporär zufrieden sein, aber sie könnten auch alles stehen und liegen lassen. Es ist traurig, dass keiner Notiz davon nimmt. Sie sind nicht allzu selten leere Uniformen. Das unsichtbare Schwarz-Weiß in der farbigen Realität. Dabei ist es eigentlich genau andersrum (Farbe in einer schwarz-weißen Realität).

Sie sind ziemlich kreativ und ziemlich verträumt. Und das beeindruckt. Das wissen sie jedoch auch. Und ich glaube auch, dass ‚X’ das weiß. Ob er sich verstellt? Ich weiß nicht. Vor mir nicht, denke ich. Aber vor vielen anderen. Und kritisch wird es wenn man ihn zwingen will, Zeltschnüre zu spannen. Ich vermute mal, dass solche Menschen sehr einzigartig wirken. Und sobald man ihnen das Gefühl gibt sie sehr interessant zu finden, so dass sie sich deiner Aufmerksamkeit gewiss sein können, schon verlieren sie das Interesse. Und das kann ich verstehen. wenn man unter einem Deckmantel seiner falschen Identität versucht ein echtes Leben zu führen. Wie kann ich jemanden an mich heran lassen, der denkt ich sei echt? Dabei bin ich das gar nicht. Das würde nicht funktionieren. Denn auch diese Menschen wollen verstanden werden. Wollen ein Zuhause. Das einzige Merkmal, dass sie haben: einen Namen. Ein Name mit dem man nichts in Verbindung bringen könnte, würde man die Wahrheit kennen. Ein Leben ohne Identität. Ohne Vergangenheit, die sich auf Ehrlichkeit und Wahrheit aufgebaut hat.
Sie sind bisher zurecht gekommen und hatten so einige Male das Gefühl richtig platziert zu sein. Aber das hat sich im Nachhinein auch nur als leere Verpackung entpuppt.
Ich werde wohl nichts unversucht lassen ‚X’ aus der Reserve zu locken. Aber glücklich werden muss er alleine. Solange bin ich eben einer dieser Gefühle in seinem Kopf, die ihm ab und an suggerieren er sei glücklich. Und das ist okay. Denn er ist dann auch zufrieden. Und ich bin es auch. Denn wenn er Stress hätte – zwischenmenschlich – dann könnte er sich auch auf mich verlassen. Ob es andersrum auch so wäre, kann ich nicht einschätzen. Selbst wenn nicht, würde ich ihm nie einen Vorwurf deswegen machen. Das Leben ist nun mal so. Und wie ich bereits sagte, ‚X’ ist mittlerweile ein guter Freund. Und vielleicht helfen ihm richtige Freundschaften seinen weg zu seiner eigenen Identität zu finden. Bis es soweit ist werden wir trotzdem eine coole Zeit miteinander verbringen. Und nebenbei kann ich ihm ja helfen zu suchen – egal wonach.




